Ein Helfer mit Seele

„Wenn ich wählen könnte, taub oder blind zu sein, würde ich zweites bevorzugen. Oftmals sieht man mit den Ohren mehr“, sagt die deutsche Lyrikerin und Dichterin Damaris Wieser. Und in der Tat gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Belege für die sogenannte Kompensationshypothese. Geht demnach ein Sinn verloren, schärft das Gehirn die anderen Sinne umso mehr. Wie also nehmen blinde Menschen ihren Hund wahr? Differenzierter, tiefer, anders?

Ein Blindenführhund ist in jedem Fall mehr, als ein nicht arbeitender, normaler Familienhund. Er hat eine Aufgabe und soll dem blinden Menschen die mobile Selbstständigkeit geben, die es ihm möglich macht, selbstbestimmt in öffentlichen Bereichen unterwegs zu sein. Der Blindenführhund ist derzeit das einzig lebendige Hilfsmittel, das die gesetzlichen Krankenkassen in ihrem Hilfsmittelkatalog aufgenommen haben und ihn auch finanzieren. Wie lebt ein blinder Mensch mit seinem Hund? Wie erlebt er den Alltag? Die Hundewelt sprach mit Silke Larsen, Vorstandsmitglied im Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin, dem ABSV.

Frau Larsen, wie erleben Sie als blinder Mensch Ihren Hund?

Silke Larsen: Selbst erlebe ich meinen Hund, als einen tierischen Partner, der aufpasst, dass ich sicher und ohne Verletzungen mit ihm unterwegs bin. Er ist begeistert bei „der Arbeit“ und ist ständig bemüht, alles richtig zu machen. Natürlich muss sich die „Führarbeit“ auch für ihn lohnen! So gehört der Futterbeutel, aus dem er immer wieder belohnend gefüttert wird und auch der belohnende Streichler und ein liebes Wort immer zur Motivation dazu. Aber, er ist für mich nie nur ein „Hilfsmittel“. Er ist ein Familienmitglied und braucht ganz viel Spaß und auch Freizeit.

So benimmt er sich ohne sein weißes Führgeschirr, dass er nur beim „Führen“ trägt, wie ein recht gut erzogener Hund. Doch auch dieser kann richtig aufdrehen, spielen, toben und auch ganz normalen Quatsch, wie der ganz allgemeinen Familienhund machen. Und für Futter kann er auch alle Manieren vergessen! Er ist mir sehr zugewandt und hat mich meist im Auge. Auch im Freilauf ist er immer sehr bemüht auf meine Signale (Hörzeichen, Sichtzeichen u) zu achten. Ich glaube schon, dass er ein sehr zufriedener Hund ist, da er immer bei mir sein darf. Viele andere Hunde müssen lange Zeiten auf ihre Besitzer zuhause warten. ER darf überall mit!

Wie gestaltet sich Ihr Alltag mit Ihrem Vierbeiner?

Silke Larsen: Bei meiner ersten Führhündin waren meine drei Kinder erst 4, 6 und 8 Jahre alt und ich war zusätzlich noch berufstätig. Da war der Weg morgens zum Büro erst gleich einmal die große Gassirunde durch den Park. Nach 45 Minuten freien Laufen kam meine „Jule“ ins Geschirr und wir fuhren mit dem ÖPNV zur Arbeit. Nachmittags ging es auf die gleiche Art und Weise Richtung zuhause. Und dann wurden die Kidner vom der Kita oder der Schule abgeholt, zum Sport oder Arzt oder anderen Terminen gebracht. Und Jule hat fleißig gearbeitet. Doch durch die Kinder und auch den nötigen Freilauf, den ich ihr immer gegeben habe, hat sie diese verantwortliche Aufgabe immer voll Freude gemeistert.

Jetzt, wo ich in Frühpension bin, hat mein Begleiter doch noch viel mehr die Möglichkeit richtig im Wald zu spielen.

Wege zu Terminen, die ich auf ehrenamtlicher Basis in der Blindenselbsthilfe leiste, sowie Termine bei Sitzungen vom Behindertenbeirat, kann ich mit ihm selbstständig laufen. ER bringt mich überall sicher durch den Berliner Verkehr. Da wir aber nur 5 Busstationen vom größten europäischen Hundeauslaufgebiet, dem Grunewald leben, kommt Happy, mein Australian-Shepherd fast täglich in den Genuss mindestens 2 -3 Stunden im Wald frei zu laufen und zu spielen. Wenn ein Tier so viel leisten soll, dann muss es auch ganz viel „frei haben“ und mit Artgenossen spielen dürfen. Im Freilauf auf Wiesen, in Parks und im Wald ist er mit einer orangen Kenndecke auf der „Blindenführhund“ steht gekennzeichnet. Er ist zwar nicht im Dienst, genießt aber einige Privilegien. Er darf i.d.R. in Grünanlagen, in denen Leinenpflicht besteht frei laufen, damit er die Möglichkeit hat, jeden Stress der Arbeit auch im Freilauf zwischendurch abzubauen.

Happy ist überall dabei! Beim Einkaufen, beim Arzt, bei besuchen von kulturellen Veranstaltungen. Er ist mein Auge!

Übernimmt Ihr Hund auch eine Art Beschützerrolle?

Silke Larsen: Blindenführhunde müssen ihrer Aufgabe gemäß sehr freundlich, dem Menschen zugewandt und offen sein. Daher ist das Schutzverhalten bei der Auswahl geeigneter Hunde nicht erwünscht! Und er sollte wirklich nie Schutzverhalten zeigen. Denn so ein Verhalten kann böse Folgen haben, die ein blinder Mensch dann nicht mehr kontrollieren kann, wie ein nichtbehinderter teilweise auch.

Es ist ein Führhund, der mich auf allen Wegen sichert. Aber, er wird nicht als Schutzhund arbeiten. Doch es sind Tiere, keine Maschinen. Ich möchte nicht die „Hand ins Feuer“ legen, ob in der schlimmsten Situation mein Hund niemals mich beschützen würde. Das kann und vermag ich nicht mit Absolutheit zu wissen.

Was geht in Ihnen vor, wenn Ihr Hund Fehler macht?

Silke Larsen: Wie schon gesagt, der Hund ist ein Tier und keine Maschine. Er hat Gefühle und auch Bedürfnisse. Und auch wir Menschen sind in unserer Kommunikation nicht immer vollkommen klar. Und da passiert es bestimmt oft, dass ein Blindenführhund kleine Fehler macht, die er möglicherweise gar nicht verschuldet hat, denn vielleicht war das „Signal“ des Halters gar nicht so klar?!

Wichtig ist es einfach, dass man Fehler nicht ignoriert, sondern das gewünschte Verhalten bestärkt. Also, zeigt ein Hund mal einen Eingang nicht genau an, dann wiederhole ich den Weg und wenn es dann klappt, dann wird besonders gelobt und ggf. mit Futter belohnt. Ich bin nicht perfekt und mein „Hilfsmittel mit Seele“ auch nicht. Und genau das macht die Kommunikation und Interaktion so unheimlich interessant und stärkt jede Bindung.

Menschen, die schon in frühester Kindheit erblindeten, sollen besser hören als Sehende oder solche, die später blind wurden, sagt der Mediziner Frédéric Gougoux und sein Forscherteam von der Universität Montreal. Sie stellten beispielsweise fest, dass sich früh erblindete Menschen nicht nur besser an Geräuschen orientieren, sondern auch Tonhöhen und damit auch Musik differenzierter wahrnehmen können. Die „zerebrale Plastizität“ – die Verschaltung des Gehirns – ist in der frühen Entwicklung effizienter als später im Leben. Der Verlust eines Sinnes kann dann besser kompensiert werden. Wie hören Sie Ihren Hund?

Das Gehör von blinden Menschen ist nicht besser; es ist nur deutlich besser trainiert, da uns ja der Sinn der Visualität fehlt. Wir werden durch Sichtreize nicht abgelenkt. Vielmehr können Geräusche, die unvermutet nah oder unbekannt für uns eher erschreckend oder verunsichernd sein.

Der Hund hat im Freilauf ein Glöckchen am Halsband. Mit dem Läuten dieser Schelle oder Glöckchens haben wir die Möglichkeit, genau zu wissen, wo sich unser Vierbeiner aufhält. Und natürlich versuchen wir beim Laufen mit dem Hund Signale, die sehende Halter erkennen, auch mit dem Gehör zu hören. Hecheln, Kauen, Lippenlecken sind da so Beispiele. Und auch unterschiedliches Bellen kann von uns gedeutet werden. Wie gesagt: wir hören nicht besser, aber intensiver.

Erleben Sie in Ihrer Umwelt auch Anfeindungen oder Ignoranz?

Silke Larsen: Anfeindungen bzw. Ablehnungen erfahren wir recht selten offensiv. Was aber unterschwellig oft zu spüren ist, die Unkenntnis und die daraus resultierende Ablehnung. So müssen wir oft um unser Zutrittsrecht bei Ärzten, Krankenhäusern, Geschäften, kulturellen Veranstaltungen kämpfen. Denn im Sinne der Inklusion und der Teilhabe gilt, dass wir mit unserem Hunden überall hin dürfen, wo keine besondere hygienische Vorsicht gelten muss. Also, da wo alle Menschen mit Straßenschuhen oder ohne besondere Desinfektionsvorschriften hindürfen, kann das Hilfsmittel Blindenführhund mit. Ich käme nie auf den Gedanken, ihn auf eine Intensivstation mitzunehmen oder gar in den Operationsbereich. Doch wenn ich jemanden im Krankenhaus auf einer Station besuchen möchte, dann brauche ich meinen BFH, um den Weg zu finden.

Ja, und auch manchmal schimpfen Menschen, wenn wir die Hinterlassenschaften unserer Hunde nicht wegmachen. Aber, dann bin ich schon so schlagfertig, dass ich eine Kottüte aus der Tasche ziehe und die Leute bitte, mir die Hand genau zu führen, damit ich den Kot aufnehmen kann. Oft lehnen sie das dann ab. Aufgrund meiner Blindheit bin ich aber nicht in der Lage, beim Freilauf den Kot zu finden.

Im Großen und Ganzen begegnet die Umwelt aber sehr offen und respektvoll auf uns als Gespann, dass man versteht, dass wir konzentriert unterwegs sind, und Ablenkungen durch Ansprache an den Hund und unnötiges Anfassen uns in Lebensgefahr bringen kann.

Liebe Frau Larsen, vielen Dank für das Gespräch.


Silke Larsen ist Vorstandsmitglied im Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin, dem ABSV. Ihr Blindenführhund hilft ihr zur Orientierung im Alltag.

Dieses Interview stammt aus der HundeWelt.

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