„Bitte, lernt das Gefühlsleben der Hunde besser zu verstehen“

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen zur Beziehung von Mensch und Tier. Die Psychologin bekleidet seit drei Jahren den ersten und bisher einzigen Lehrstuhl für Anthrozoologie in Europa. Sie ist die Präsidentin der weltweiten Dachorganisation zum Thema Mensch-Tier-Beziehung IAHAIO. Hier bemüht man sich u.a. um eine Professionalisierung der Berufsbilder und Einführung von Qualitätsnormen in diesem Bereich. Persönlich ist sie mit Hunden eng verbunden und im Tierschutz engagiert, wie sie HundeWelt-Autor Christoph Jung während des Interviews erzählte.

Du bist die Inhaberin des ersten Lehrstuhls für das Fach Anthrozoologie in Europa. Worum geht es in diesem Fach?

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers: Anthrozoologie ist eine Wissenschaftsdisziplin, die sich mit der Mensch-Tier-Beziehung beschäftigt und deren Auswirkungen auf das Befinden der Menschen. Man denke nur an die Bedeutung der Begleittiere für die Lebensqualität älterer Menschen, man denke an die Bedeutung der Begleittiere für die Entwicklung der Kinder oder deren Bedeutung für Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Problemen wie einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder Kinder mit Autismus und schließlich die Wirkung tiergestützter Intervention. Die IAHAIO hat ein White Paper mit Definitionen erstellt, das unter www.iahaio.org nachgelesen werden kann.

In unserer Abteilung untersuchen wir auch die „Mechanismen” dieser Bindung und versuchen herauszufinden, „warum es funktioniert“. Anthrozoologie ist eine multidisziplinäre Disziplin. Unsere Perspektive ist die der Psychologie. In unserem Team arbeiten wir mit anderen Disziplinen, mit Ethologen, Tierverhaltensforschern, Methodikern, Orthopäden, Tierärzten usw. zusammen. Wir versuchen, auf beide Seiten der Medaille zu achten: menschliches und tierisches Wohlbefinden – eine Gesundheit, ein Wohlbefinden.

Welche Effekte haben Haustiere, besonders Hunde, auf die Gesundheit von uns Menschen?

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers: Begleittiere, und besonders Hunde, können viele Vorteile für die Gesundheit des menschlichen Halters haben. Mit einem Hund bleiben sie aktiv, treffen andere Leute, pflegen so ihr soziales Netzwerk. Hunde bieten Freude, die Möglichkeit, sich um ein anderes Wesen zu kümmern, die Verantwortung für ein anderes Wesen zu tragen. Hunde bieten zuverlässige Kameradschaft, emotionale Unterstützung und sorgen für Sicherheit.

Unser Körper reagiert auf physische Interaktionen mit dem Hund, etwa beim Streicheln, mit der Freisetzung von Oxytocin und einer Abnahme von Cortisol, was uns zufriedener und entspannter macht. Zudem sinkt der Blutdruck, wenn die Herzfrequenz sinkt. Hunde halten uns vor allem sozial aktiv, lassen uns weniger alleine, lassen uns gesünder leben.

Es gibt Wissenschaftler, die bezweifeln die positive Wirkung der Haustiere auf die Gesundheit. Manche argumentieren, dass man das nicht wirklich nachweisen könne.

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers: Es spielt immer eine Kombination verschiedener Faktoren zusammen. Ich sehe auch, dass es schwierig ist, immer exakt zu isolieren, was die Bedeutung des Tieres ist und welche anderen Faktoren hineinwirken. Daran arbeiten wir. Immer mehr sorgfältig durchgeführte Studien zeigen allerdings, dass es einen realen „Pet-Effekt“ gibt. Trotzdem müssen wir mehr über die Mechanismen lernen und mögliche Störvariablen ausschließen.

Kann man sagen, dass Hunde die intensivste Wirkung auf uns Menschen haben?

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers: Hunde haben durch ihre Co-Evolution mit den Menschen eine sehr intensive Beziehung zu uns. Sie verstehen unsere Emotionen, erkennen unsere Körpersprache, kennen sogar „Wörter“ und sind von Natur aus sehr daran interessiert, mit uns zusammenzuarbeiten. Durch ihre Eigenschaften (nicht zu groß) können sie eng mit uns zusammen leben (zu Hause) und sind Teil unserer Familien.

Worauf begründet sich die helfende Wirkung von Hunden in der Therapie oder zum Beispiel auf das Lernverhalten von Schulkindern?

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers: Wenn wir mit Kindern mit Lernschwierigkeiten arbeiten, sehen wir, dass Hunde sehr gute „Partner“ sind, um diesen Kindern zu helfen. Sie akzeptieren (selbst wenn du komisch aussiehst, dich seltsam benimmst), sie urteilen nicht (selbst wenn du schlechte Leistungen bringst), sie motivieren (es macht Spaß) und sie tun, was du willst (sie sind kontrollierbar). Dies schafft eine sehr gute Lernsituation für das Kind.

Du bist die Präsidentin der International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO). Was macht die IAHAIO?

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers: Die IAHAIO ist eine globale Organisation von Organisationen etwa Instituten an Universitäten, Fachvereinen wie Tierärzten, Organisationen für tiergestützte Intervention, Organisationen, die mit Assistenzhunden arbeiten. Auf unserer Webseite gibt es eine lange Liste.

Wir versuchen, Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind, bei der Professionalisierung zu helfen und zu unterstützen, indem wir mit ihnen an Best Practice Beispielen, an Forschungsmethoden, an der Zusammenarbeit von Praktikern und Forschern, an der Organisation von Symposien und Konferenzen, an Bildung usw. arbeiten.

Wenn du uns Hundefreunden einen Tipp geben willst, worauf wir achten sollen, um in Harmonie mit unseren vierbeinigen Freunden zu leben, was würdest du uns sagen?

Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers: Bitte lernt das Gefühlsleben, die Art des Denkens und die Verhaltensweisen der Tiere besser zu verstehen. Jeder kann einen Hund haben, ohne etwas über Hunde zu wissen. Selbst mit den besten Absichten tun die Menschen oft nicht das Beste für ihre Hunde, für die Erziehung, für die Art, wie sie sich um den Hund kümmern.

Liebe Frau Prof. Dr. Enders-Slegers, vielen Dank für das angenehme Gespräch.


Prof. Dr. Marie-Jose Enders-Slegers ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen zur Beziehung von Mensch und Tier. Die Psychologin bekleidet seit drei Jahren den ersten und bisher einzigen Lehrstuhl für Anthrozoologie in Europa. Sie ist die Präsidentin der weltweiten Dachorganisation zum Thema Mensch-Tier-Beziehung IAHAIO.

Dieses Interview stammt aus der HundeWelt.

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