Einsatz auf vier Pfoten! | Teil 23

Die nasse Teerdecke vor mir glänzte. Sie reflektierte das Licht der Peitschenlampen und der entgegenkommenden Fahrzeuge. Als ich mich auf die lange Linksabbiegerspur Richtung Autobahn einordnete, plärrte das Funkgerät verzerrt etwas über flüchtende Diebe in der Nürnberger Innenstadt, weit weg von hier. Sinnlos, sich in die Fahndung einzuschalten. Bis ich dort wäre, wären die Langfinger entweder festgenommen oder über alle Berge. Ich beugte mich hinüber zur Beifahrerseite und stellte die Kiste leiser.

Irgendetwas Kleines huschte, nein, rollte durch die Lichtkegel der Scheinwerfer meines Opels, überquerte die rechte Fahrspur und verschwand im Straßengraben. Überrascht bremste ich ab und schaltete das Fernlicht ein. Die Fahrbahn war übersät von Glasscherben und Plastikteilen, die offenbar in diesem Moment erst zur Ruhe kamen. Die Ursache dafür entdeckte ich, als ich links durchs Seitenfenster blickte. Am Fahrbahnrand lag ein völlig zerstörtes Motorrad. Weißer Dampf stieg auf und begann, es einzuhüllen. Ich tippte auf den Schalter für das Blaulicht und sprang aus dem Streifenwagen. Verdammt, irgendwo musste auch der Biker sein!

Nur wenige Meter weiter fand ich ihn.

Die Farbe seiner schwarzen Lederjacke hob sich kaum ab vom dunklen Asphalt. Er lag auf der Seite, beide Arme ausgestreckt, als würde er noch den Lenker seiner Maschine halten. Er hatte den Kopf gehoben, er atmete, lebte! Ich kniete mich nah hinter ihn, damit er sich an meine Beine anlehnen konnte. So blieb er in etwa in der Stabilen Seitenlage. Gleichzeitig fingerte ich nach meinem Handy, um den Notarzt zu rufen. In der Eile hatte ich versäumt, das über Funk zu tun.

Ein Passant näherte sich uns vorsichtig, sagte, dass er den Rettungsdienst schon verständigt habe. Dann war ich alleine mit dem Motorradfahrer. Mit jedem Ausatmen gab er ein raues Stöhnen von sich. Ob er mich überhaupt bemerkte? Hinter dem Visier das blasse Gesicht eines älteren Mannes. Seine Augen starrten geradeaus in die Dunkelheit. Leise erzählte ich ihm, dass der Notarzt unterwegs sei, alles gut werde. Dabei versuchte ich, den Reißverschluss seiner Lederjacke etwas zu öffnen. Es gelang mir nicht. Eigentlich hätte ich ihm den Helm abnehmen müssen, aber wie sollte das in dieser Situation gehen? Immerhin gelang es mir wenigstens, das Visier nach oben zu klappen.

Erschreckend knapp fuhr ein Auto hinter meinem Rücken vorbei, wirbelte feine Tröpfchen in meinen Nacken. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich in meinem dunkelgrünen Anorak kaum besser erkennbar war als der Motorradfahrer. Um meine reflektierende Jacke zu holen, hätte ich den Mann alleine lassen müssen. Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass er sich in diesen Minuten alleine gelassen fühlte. Wenn er noch etwas fühlte.

Endlich, sein Atem wurde nun ruhiger.

Nein, nicht ruhiger. Er wurde langsamer, flacher, das stetig wiederkehrende Stöhnen leiser, immer leiser. Was sollte ich nur tun? Hilflos drückte ich ihn an mich.

Plötzlich fühlte ich Hektik um mich herum. Jemand legte mir die Hand auf meine Schulter.

„Danke, Kollege“, sagte der Sanitäter und übernahm meinen Posten, während der Notarzt dem Mann behutsam den Helm vom Kopf zog. Ein Ausdruck der Überraschung huschte über das Gesicht des Mediziners. „Das ist doch…“ Er schien den Verletzten zu kennen.

Ich zog mich zurück, wunderte mich, dass ich das Eintreffen des Rettungswagens nicht bemerkt hatte. Wie unter einer Glasglocke war ich mit dem Motorradfahrer alleine gewesen, hatte die Umwelt völlig ausgeblendet. Nur er und ich.

Etwas benommen schaute ich mich um.

Erstaunlich wenige Schaulustige hatten sich eingefunden, standen tuschelnd auf der anderen Straßenseite. Musste wohl am Wetter liegen.

In der Einfahrt zur Autobahn stand ein Kleinwagen, angestrahlt vom Scheinwerferlicht eines Streifenwagens. Die Fahrertür stand offen. Ein Kollege kam von dort auf mich zu.

„Der Unfallverursacher ist abgehauen“, sagte er,

vielleicht könnte dein Hund…?“

Ich nickte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich mir noch keine Gedanken über den Unfallhergang gemacht hatte. Ich holte Buxi aus seiner Box und brachte ihn zu dem Renault Twingo. Die Kühlerhaube war rechts stark eingedrückt, das Dach deformiert. Hier war das Motorrad offenbar eingeschlagen. Und sein Fahrer, ehe er über das Fahrzeug hinweg flog und auf die Straße stürzte.

„Hat wohl beim Linksabbiegen das entgegenkommende Bike übersehen“, meinte der Kollege. Ich leuchte mit meiner Taschenlampe ins Fahrzeuginnere. „Er dürfte auch verletzt sein“, stellte ich fest, als ich das glänzende Blut auf dem Lenkrad entdeckte.

„Vielleicht ist es eine Frau“, ergänzte der Verkehrspolizist, „das Auto ist auf eine Zwanzigjährige zugelassen.“ Der Stellung des Fahrersitzes zu urteilen war sie wahrscheinlich auch nicht sehr groß.

Ich legte Buxi die lange Leine an.

Das Signal für ihn, dass es jetzt ums Suchen ging. Er schnupperte einige Meter am Straßenrand entlang und bog dann unvermittelt in den daneben liegenden Graben ab. Er hatte tatsächlich eine Fährte gefunden! Da weder Kollegen noch sicherlich andere Personen in dieser verregneten Nacht das Gelände in letzter Zeit betreten hatten, war ich mir sicher, dass Bux auf der richtigen Spur war.

„Sooo isser brav!“, lobte ich ihn, was meinen Hund motivierte, mich noch stärker durch die kniehohe Wiese zu ziehen. Mit tiefer Nase arbeitete er sich vorwärts, vorbei an vereinzelten Büschen, einen steilen Hang hinab, den gegenüber liegenden wieder hinauf, zielstrebig, ohne nach links oder rechts zu schauen. Letzteres übernahm ich mit Hilfe meiner Lampe.

Das blitzende Blaulicht hinter uns an der Unfallstelle war längst verschwunden, als Bux den Kopf hob und den Zug in der Leine nochmals erhöhte. Ich nahm die Leine kürzer und lenkte den Lichtstrahl der Taschenlampe in Buxis Blickrichtung. Die junge Frau saß angelehnt an einem Baum. Als wir näher kamen und ich meinen Hund ins Platz befahl, drehte sie den Kopf und schaute mich an. Große Augen in einem blutverschmierten Gesicht. „Polizei“, sagte ich, und „keine Angst, ich will Ihnen helfen.“

Ich wollte das nicht“,

antwortete sie mit heiserer, weinerlicher Stimme. „Ich hab ihn nicht gesehen. Ich hab ihn einfach nicht gesehen!“ „Ja, ich weiß. Können Sie aufstehen? Sie brauchen Hilfe.“ Ihr Nasenbein war sichtlich gebrochen. Sie nickte und brachte sich mühsam auf die Beine. Schweigend gingen wir zurück zur Unfallstelle. Dort gelang es mir, sie so zu lenken, dass sie den mit einer Rettungsfolie abgedeckten Körper des Motorradfahrers nicht sehen konnte. Die Bemühungen des Notarztes waren offenbar vergeblich gewesen.

Hier erfährst du, wie es weitergeht.

Elmar Heer arbeitet seit 40 Jahren als Polizeibeamter. 1990 wechselte er vom Streifendienst zur Diensthundestaffel Mittelfranken. Schon früh entdeckte er seine zweite Leidenschaft: das Schreiben. Mit seinem Buch „Partner auf Leben und Tod“, erschienen bei Droemer-Knaur, gewährt der Autor dem Leser einen Einblick in Leben und Arbeit eines Polizeihundeführers. Er erzählt über seine Aufgaben als Hundeführer, die umfangreiche Ausbildung von Polizeihunden und über spannende, heitere und auch tragische Einsätze, die er mit seinen Schäferhunden Gundo, Bux und Carina erlebte. Heute steht ihm mit Sam sein vierter Diensthund zur Seite.



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