Unterschiedliches Verhalten der Rassen durch Genetik? | Forscher im Interview

Evan MacLean ist Psychologe und Professor für Anthropologie an der Universität von Arizona (USA). Er ist Direktor des Arizona Canine Cognition Center. Noah Snyder-Mackler ist Professor am Department of Psychology der University of Washington. Er leitet eine Forschungsgruppe, die die Auswirkungen des sozialen Umfelds auf den einzelnen Organismus untersucht.

Zusammen mit Bridgett von Holdt und James Serpell, beides Hochkaräter in der Hunde-Forschung, haben sie 2019 eine wegweisende Studie über den Zusammenhang von Rassezugehörigkeit, Erbanlagen und Verhaltensmerkmalen bei Hunden veröffentlicht. Mit ihnen sprach HundeWelt-Autor Christoph Jung, der Professor MacLean schon 2017 auf einer Konferenz in Arizona persönlich kennenlernen konnte.

Nach meinem Überblick ist „Highly Heritable and Functionally Relevant Breed Differences in Dog Behavior“ („Hoch erbliche und funktionsrelevante Rasseunterschiede im Hundeverhalten“) die erste Studie, in der die unterschiedlichen Verhaltensmerkmale in Bezug auf Hunderassen und Erblichkeit wirklich umfassend untersucht werden. So habt Ihr die Genetik von 14.020 und die Verhaltensmerkmale von nicht weniger als 17.000 Hunden untersucht. Wie habt Ihr das geschafft?

Diese Arbeit wurde überhaupt erst möglich, weil in jüngster Zeit große Fortschritte sowohl bei der Hundegenetik als auch bei der Untersuchung der Verhaltensvariationen über viele Rassen hinweg gemacht werden konnten. Wir verfügen jetzt über detaillierte Genomdaten von über 100 Hunderassen. Das ermöglicht ein detailliertes Verständnis der genetischen Grundlagen von Rasseunterschieden in ihrer Erscheinungsweise wie in ihrem Verhalten.

Auf der Verhaltensseite hat die „Citizen Science„, das heißt sich auf die Erfahrungen der Bürger vor Ort, hier der Hundehalter, zu stützen, zu einer riesigen Zahl von Datensätzen geführt. Durch die breite Einbeziehung von Hundehaltern konnten wir große und repräsentative Stichproben erreichen, die das Verhalten von Hunden beschreiben und dies über das gesamte Spektrum gut 100 erfassten Hunderassen hinweg.

Was war die Fragestellung der Studie?

Wir wollten zwei Fragen nachgehen: 1. inwieweit genetische Verwandtschaft Unterschiede im Verhalten erklären kann, und 2. die genetischen Unterschiede ganz konkret identifizieren, die mit diesen Rassedifferenzen im Verhalten zusammenhängen.

Welche Verhaltensmerkmale habt Ihr gefunden?

Die Verhaltensmerkmale, die wir untersuchten, waren alle bereits ziemlich gut durch ein Instrument namens C-BARQ („Canine Behavioral Assessment & Research Questionnaire“) charakterisiert, das von unserem Co-Autor James Serpell entwickelt wurde. Das ist ein einfacher und vielfach erprobter Fragebogen, bestehend aus 100 Punkten. Dieser wurde von Hundebesitzern auf der ganzen Welt ausgefüllt. Die einzelnen Fragen lassen sich zu allgemeineren Merkmalen des Verhaltens zusammenfassen, etwa Erregbarkeit, Trainingsfähigkeit, Jagdverhalten oder verschiedene Arten von Aggression und Angst.

Wo liegen dann die größten Unterschiede bei den Verhaltensmerkmalen in Bezug auf die verschiedenen Rassen?

Zu den Merkmalen, die die meisten Unterschiede aufweisen, gehören das Jagdverhalten, die Trainingsfähigkeit und die Aggression.

Eure Untersuchung hat gezeigt, dass Verhaltensmerkmale stark vererbbar sind. Wie habt Ihr das untersucht?

Wir haben 131 Genabschnitte gefunden, die 14 Verhaltensmerkmalen zuzuordnen sind. Erblichkeit ist definiert als der Anteil der phänotypischen Varianz (z. B. Unterschiede in einem Verhaltensmerkmal zwischen den Rassen), der der genetischen Variation zuzuschreiben ist. Wir verwendeten molekulare Daten, um die genetische Ähnlichkeit zwischen Rassen zu quantifizieren. Dann bewerteten wir den Anteil der Verhaltensvarianz, der genau diesen genetischen Beziehungen zugeordnet werden konnte, also die Beziehung zwischen der Ausprägung des Genom und des Verhaltens.

Meiner Meinung nach sind die verschiedenen Hunderassen in ihren Verhaltensmerkmalen noch viel unterschiedlicher als in ihrer Anatomie. Das heißt: Wenn ein Hundehalter nach einem Welpen sucht, so kann er / sie bei jeder Rasse mit großer Wahrscheinlichkeit bestimmte Eigenschaften erwarten. Kann man das so sehen?

Im Durchschnitt trifft dies zu. Aber nicht immer im Einzelfall. So gibt es auch innerhalb der einzelnen Rassen eine breite Streuung im Verhalten. Ein anderes Beispiel: Sind Männer auf Gruppenebene tendenziell größer als Frauen, so gibt es doch viele einzelne Frauen, die größer sind als einzelne Männer. Dasselbe gilt für die meisten Verhaltensmerkmale der verschiedenen Rassen.

Während eine Rasse im Durchschnitt mehr oder weniger ein bestimmtes Verhalten zeigt, wissen Sie nie genau, was Sie bei einem einzelnen Hund bekommen werden – Sie wissen nur, was Sie im Durchschnitt erwarten dürfen. Nur weil wir in unserer Studie mit über 17.000 Hunden eine wirklich große Stichprobe haben, können wir die rassespezifischen Muster klar identifizieren. Solch große Stichproben sind heute allerdings noch etwas Besonderes bei Untersuchungen des Verhaltens von Hunden. Wenn Sie also nach einem Hund suchen, der bestimmte Merkmale aufweisen soll, können Sie auf der Grundlage der Rassezugehörigkeit eine fundierte Annahme über das Verhalten anstellen. Eine Garantie für bestimmte Verhaltensmerkmale ist das jedoch nicht.

In der Vergangenheit waren ziemlich alle Hunde Arbeitshunde. Jede Hunderasse war für ihre speziellen Aufgaben als Hirte, Schlittenhund, Pointer, Wächter, Treiber, Windhund oder als Schoßhündchen optimiert. Haben sie Hinweise gefunden, wie diese unterschiedlichen Eigenschaften entstanden sind?

Eine solche Untersuchung wäre praktisch der nächste Schritt. In unserer aktuellen Arbeit identifizieren wir Varianten in Genen, die sich auf verschiedene Aspekte des Verhaltens beziehen. Es wurde jedoch noch nicht nach Hinweisen darauf gesucht, ob eine dieser Varianten bei bestimmten Rassen gezielt ausgewählt wurde. Wir gehen aber davon aus, dass wir oder andere Forscher dies als nächstes prüfen werden. Eine solche Studie erfordert jedoch die Erzeugung gekoppelter genetischer Information und Verhaltensdaten bei einer sehr großen Anzahl von Hunden.

Was sind Ihrem Eindruck nach die wichtigsten Verhaltensmerkmale, die unsere Hunde im Vergleich zu ihren wölfischen Vorfahren gewonnen oder verloren haben?

Ängste und Aggressionen unbekannten Personen gegenüber sind wahrscheinlich zwei der Hauptkandidaten. Um in der menschlichen Gesellschaft toleriert (oder gemocht) zu werden, müssen sich die meisten Hunde wohl dabei fühlen, neue Menschen und Hunde zu treffen. Sie dürfen in sozialen Situationen nicht zu scheu oder zu emotional reagieren. Solche emotionalen Merkmale waren wahrscheinlich für den ersten Kontakt zwischen Menschen und Wolfspopulationen wichtig. Bei der Auswahl wurden diejenigen Wölfe bevorzugt, die am zahmsten und am wenigsten aggressiv gegenüber Menschen waren.

Sehr geehrter Herr Maclean und Herr Snyder-Mackler, vielen Dank für das interessante Gespräch.


Evan MacLean ist Psychologe und Professor für Anthropologie an der Universität von Arizona (USA). Er ist Direktor des Arizona Canine Cognition Center.

Noah Snyder-Mackler ist Professor am Department of Psychology der University of Washington. Er leitet eine Forschungsgruppe, die die Auswirkungen des sozialen Umfelds auf den einzelnen Organismus untersucht.

Dieses Interview stammt aus der HundeWelt.

Teilen