Einsatz auf vier Pfoten! | Teil 28

Nur selten sind in Mittelfranken mehrere Sprengstoffspürhunde gleichzeitig im Dienst. Wir lösen uns nach Dienstplan gegenseitig ab, und wenn dennoch einmal eine Lücke entsteht, wird diese mit Rufbereitschaft in der Freizeit überbrückt.

Die Bombe in der Schule

Unsere Einsatzorte waren zwar über ganz Mittelfranken verstreut, dennoch ähnelten sie sich sehr. Ob vor Wahlkundgebungen, Podiumsdiskussionen, überhaupt öffentlichen Veranstaltungen, zumeist galt es, einen Raum oder eine Bühne für sicher zu erklären. Ich freute mich über das große Vertrauen, das sowohl das Polizeipräsidium als auch Veranstalter unseren Sprengstoffspürhunden entgegen brachten. Die hatten das aber auch verdient. Häufig, aber nicht immer, handelte es sich um geplante Einsätze, über die wir Tage, manchmal schon Wochen vorher informiert wurden.

Jeden zweiten Monat trafen wir uns alle, um gemeinsam in kleinen Gruppen zu trainieren. Diese Sprengstofffortbildungen dienten auch dem Zweck, die aktuelle Leistungsfähigkeit der einzelnen Hunde zu überprüfen und gegebenenfalls zu steigern.

Wie an diesem Vormittag.

Übungsort war diesmal ein Autoschrottplatz, ein wahres Paradies an Versteckmöglichkeiten. Der Ausbilder deponierte gerade ein Stück TNT in einem verbeultem Fiat, als sein Handy klingelte. Er lauschte mit gerunzelter Stirn. Als er auflegte, drehte er die Augen nach oben. „Wir müssen los, alle. Wieder mal eine telefonische Bombendrohung in einer Schule. Diesmal in Langwasser. Treffpunkt in zwanzig Minuten im dortigen Pausenhof.“

Anonyme Bombendrohungen erschreckten uns nicht, die gab es oft, leider auch in Schulen. Bisher waren es zum Glück immer Fehlalarme gewesen.

Leo, von dem ich einst Buxi übernommen hatte, führte mittlerweile auch einen Sprengstoffhund. Wegen der Fortbildung waren wir zu zweit in einem Dienstwagen unterwegs. „Bestimmt wieder so’n blöder Scherz“, grummelte er, während er sich anschnallte.

Ich drehte den Schlüssel im Zündschloss.

„Vielleicht meint es diesmal jemand ernst?“

Leo zog den Gurt stramm, als ich Gas gab. „Wahrscheinlicher ist aber, dass mal wieder einer vergessen hat, für die angekündigte Mathe-Arbeit zu büffeln.“

Die dürfte jetzt auf jeden Fall ausfallen, denn selbst mit fünf Hunden würde es länger als eine Mathe-Arbeit dauern, die Schule abzusuchen. Würde der Anrufer ermittelt, drohten ihm strafrechtliche Konsequenzen. Zudem müssten er oder seine Eltern den Polizeieinsatz bezahlen. Da kommt schnell eine hohe vierstellige Summe zusammen.

Die Evakuierung des Gebäudes war bereits abgeschlossen, als wir eintrafen. Die regelmäßigen Übungen in den Schulen, wie man sich in solchen Situationen zu verhalten hat, dass man das Gebäude ruhig, aber zügig verlässt, zeigten Wirkung. Im Pausenhof drängten sich die Schüler, einige rauchten, andere scherzten und lachten. Die Stimmung war ausgelassen. Offensichtlich kam keinem die Unterbrechung des Unterrichts ungelegen, niemand schien die Drohung für bare Münze zu nehmen. Wir jedoch mussten so handeln, als wäre sie ein Ernstfall, denn ganz ausschließen konnten wir das trotz aller Erfahrung nicht. Unser Ausbilder übernahm die Einsatzleitung und sammelte uns um sich: „Der Anruf ist im Sekretariat gelandet“, erklärte er uns sachlich. „Männliche, junge Stimme, ohne Akzent oder Dialekt. Die Bombe soll..,“ er schaute auf seine Armbanduhr, „…in vierzig Minuten hochgehen.“

Ich betrachtete das riesige Gebäude. Wie sollten wir …?

„Das ist natürlich nicht zu schaffen“, vollendete der Kollege meinen Gedanken. „Die Einsatzzentrale schickt uns noch einige Streifen. Diese suchen die nicht frei zugänglichen Räume manuell ab. Wir konzentrieren uns auf die anderen.“

Das war durchaus üblich, gerade, wenn die Zeit drängte. Schnell teilten wir die Schule in Zuständigkeitsbereiche auf. Carina und ich bekamen das Erdgeschoss links zugewiesen: sechs Klassenzimmer und den Gang. Viele Möglichkeiten, eine Bombe zu verstecken. Plötzlich machte sich ein unangenehmes Gefühl in meinem Bauch breit. Was, wenn es diesmal kein dummer Scherz war, der Zeitzünder in dem Moment auf Null sprang, wenn sich einer von uns in der Nähe befand? Wir hatten noch gut dreißig Minuten Zeit. Sofern die Angabe stimmte.

Als ich die Tür zum ersten Unterrichtsraum aufdrückte, ereilte mich ein Déjà vu.

Rochen Klassenzimmer tatsächlich immer noch so? Eine vertraute Mischung aus verbrauchter Luft, Putzmittel, Turnschuhen und mit Kreide vermischtem Wasser schlug mir entgegen. „Hier riecht es nach Menschen!“, hatte mein Mathelehrer regelmäßig festgestellt, wenn er das Klassenzimmer betrat – und uns geheißen, erst einmal alle Fenster zu öffnen. Diesen Impuls unterdrückte ich. Zugluft würde es Carina erschweren, die Geruchsquelle von Sprengstoff zu lokalisieren.

Auf mein Kommando drehte sie erst einmal eine große Runde durch den Raum. Dann begann sie, systematisch jede Bank, jeden Heizkörper und jeden Schrank abzusuchen. Sie war hoch konzentriert, wie ich an ihrer erhobenen Rute und Körperspannung erkannte. Federnd bewegte sie sich in der Erwartung, gleich etwas zu finden, wofür sie belohnt werden würde. Ab und zu blieb sie stehen, vergewisserte sich schnaubend, dass auch hier ganz sicher kein Sprengstoff versteckt war.

Keine der Taschen ließ sie aus, für einige interessierte sie sich besonders. Wahrscheinlich grüßten daraus nur Pausenbrote, denn sie setzte sich nicht.

Der melodische Klang des Pausengongs hallte durch das leere Schulgebäude. Für mich bedeutete das, dass wir nur noch zwanzig Minuten hatten, die verbliebenen fünf Klassenzimmer zu durchsuchen. Und den Gang dazwischen. Schier unmöglich, das in der verbliebenen Zeit zu schaffen.

Hier erfährst du, wie es weitergeht.

Elmar Heer arbeitet seit 40 Jahren als Polizeibeamter. 1990 wechselte er vom Streifendienst zur Diensthundestaffel Mittelfranken. Schon früh entdeckte er seine zweite Leidenschaft: das Schreiben. Mit seinem Buch „Partner auf Leben und Tod“, erschienen bei Droemer-Knaur, gewährt der Autor dem Leser einen Einblick in Leben und Arbeit eines Polizeihundeführers. Er erzählt über seine Aufgaben als Hundeführer, die umfangreiche Ausbildung von Polizeihunden und über spannende, heitere und auch tragische Einsätze, die er mit seinen Schäferhunden Gundo, Bux und Carina erlebte. Heute steht ihm mit Sam sein vierter Diensthund zur Seite.



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