Einsatz auf vier Pfoten! | Teil 2

„Pass’ auf!“ flüsterte ich meinem Schäferhund Gundo ins Ohr und kniete mich zu ihm auf den gefrorenen Boden am Rand der Wiese, die sich vor uns bis zum Horizont erstreckte. Mein Hund lag neben mir, angespannt. Aufgeregt leckte er sich die Nase glänzend und sog die kalte Luft ein. Roch er schon etwas? 

Gundo kannte Situationen wie diese, wir hatten sie unzählige Male geübt. Heute kam es darauf an. Irgendwo aus dem Fichtenwald, der an die Wiese grenzte, würde er herauskommen, der Täter, der Gesuchte, der „Lump“. Lump war für ihn das Synonym für alle Zweibeiner, die sich nicht an das Gesetz hielten. Lumpen eben. Das hatte ich ihm beigebracht.

Irgendwo hier hatte sich der Verbrecher versteckt. Würde es gelingen, ihn mit Gundos Hilfe zur Strecke zu bringen?

Die Ungeduld wuchs

Ungefähr fünfzig Meter vor uns knackte etwas laut im Gebüsch, so, als wäre jemand auf einen dicken Ast gestiegen. Gundo zuckte, wollte aufspringen. „Ruhig, Bub“, sagte ich leise und strich ihm mit leichtem Druck über den Rücken. Unsere Blicke trafen sich kurz. Ich las in seinen Augen, dass er verstanden hatte. Und seine Ungeduld. Nun vibrierten auch seine Flanken. Er fieberte danach, endlich seinen Job machen zu dürfen! Ein Mann, groß und außerordentlich stämmig, trat aus dem Wald heraus, schaute sich vorsichtig nach links und rechts um. Auf ihn hatten wir gewartet. Schwerfällig ging er ein paar Schritte weiter. Ich wollte noch ein wenig abwarten, doch Gundo entfuhr ein langgezogenes Jaulen. Der Mann blieb stehen und drehte sich in unsere Richtung. Ich musste handeln.

Der Verbrecher zeigt sich

„Hier spricht die Polizei!“, rief ich dem Gesuchten zu. „Bleiben Sie stehen, oder ich setze den Hund ein!“  Diese Androhung ist rechtlich obligatorisch, um einem Verdächtigen die Chance zu wahren, noch aufgeben zu können. Gleichzeitig signalisiert sie dem Diensthund, dass sein Einsatz unmittelbar bevorsteht. Meine letzten Worte dürfte der Täter schon gar nicht mehr verstanden haben, denn Gundo gab meiner Androhung mit wütendem Gebell derart Nachdruck, dass mir die Ohren schmerzten. Noch hielt ich ihn am Halsband fest. Der Mann dachte gar nicht daran, seine Chance zu nutzen. Im Gegenteil: Er hob den rechten Arm und schoss auf uns, zweimal! Die Schüsse hallten im Wald wider, Vögel flogen auf, eine Elster segelte laut krächzend über der Szene. Der Schütze drehte sich um und lief zurück Richtung Waldrand.

Jetzt wird es gefährlich: Macht der Verbrecher von seiner Schusswaffe gebrauch?

Dramatische Minuten

„Hol’!“ gab ich Gundo das ersehnte Kommando und öffnete meine Faust. Ein gefrorener Erdbatzen traf mich im Gesicht, als mein Hund durchstartete und dabei mit ausgefahrenen Krallen die Grasnarbe aufriss. Ich spürte es kaum, viel zu sehr war ich damit beschäftigt, Gundo staunend hinterher zu sehen. Die Ohren flach angelegt preschte er über die Wiese. Der Täter hatte nicht die geringste Chance. Noch ehe er sich versah, war mein Hund hinter ihm und hob mit einem kräftigen Sprung ab. Im freien Flug schlug er in den Rücken des Fliehenden ein und riss ihn um. Die Waffe flog in hohem Bogen in die Wiese.

Ich verließ meine Deckung und rannte zu den beiden. Gundo hatte sich im Oberarm des Mannes verbissen und zerrte heftig an ihm. „Auuuuu, au-au-auuuu!“ brüllte der, „Aufhören! Bitteee!“ Ich blieb gelassen. Das gehört dazu. Ich brachte mich mit etwa zwei Meter Abstand in Position und rief: „Bleiben Sie ruhig steeeh’n!“ Dies, obwohl der Mann am Boden lag. Auch diese Aufforderung galt weniger dem Gebissenen als Gundo. Sie war für ihn die Ankündigung, dass nun gleich das Kommando „Aus!“ kommen werde. Doch darauf wartete Gundo gar nicht mehr, er fiel schon vorher förmlich aus dem Arm und kam zu mir zurück, noch bevor ich „Hier!“ sagen konnte. Vorauseilenden Gehorsam hatte ich bei ihm selten erlebt!

Gibt es ein Happy-End?

„Danke!“, hörte ich eine Stimme hinter mir, „Das war’s! Hund bitte anleinen.“ Der Prüfer und sein Gehilfe hatten sich die nachgestellte Szene „Festnahme eines bewaffneten Räubers“ aus einiger Entfernung angesehen und traten nun näher. In den strengen Gesichtszügen der beiden entdeckte ich auch so etwas wie Zufriedenheit. „Dafür, dass dein Hund schon vor deinem Kommando ausgelassen hat, müssen wir dir ein paar Punkte abziehen“, sagte der Prüfer, „aber ansonsten war das gute Arbeit. Ihr habt die Prüfung bestanden. Gratuliere!“ Er verzichtete darauf, mir die Hand zu schütteln, denn Gundo, der nun neben mir saß, hatte ihn bereits anvisiert, knurrte warnend. Und ich unterdrückte den Impuls, dem Fachmann um den Hals zu fallen, klopfte statt dessen nur meinem Hund anerkennend die Schulter. Die Belohnung für ihn in Form von überschwänglichen Streichel- und Knuddeleinheiten und eines Rings Fleischwurst sollte er später bekommen. 

Ein echtes Team

Der Täter, der im richtigen Leben ein Kollege war und bei der Abschlussprüfung als Figurant diente, hatte einige Mühe, sich in seinem dick gepolsterten Schutzanzug wieder aufzurichten. Sein Gesicht war hochrot und Schweiß tropfte ihm von der Nasenspitze. Dennoch grinste er mir anerkennend zu. Über ein Jahr Ausbildung war nun endlich erfolgreich abgeschlossen. Gemeinsam waren Gundo und ich durch Höhen und Tiefen gegangen, hatten gelernt, was es heißt, Polizeihund und Diensthundeführer zu werden, Kommandos zu geben und zu befolgen, Vermisste zu suchen, Angriffe abzuwehren. Von jetzt ab durften wir auf die Menschheit losgelassen werden – um sie zu schützen. Vor Lumpen zum Beispiel.

Bereit für den Einsatz. Die Anspannung war zu spüren.

Hier erfährst du, wie es weitergeht.

Elmar Heer arbeitet seit 40 Jahren als Polizeibeamter. 1990 wechselte er vom Streifendienst zur Diensthundestaffel Mittelfranken. Schon früh entdeckte er seine zweite Leidenschaft: das Schreiben. Mit seinem Buch „Partner auf Leben und Tod“, erschienen bei Droemer-Knaur, gewährt der Autor dem Leser einen Einblick in Leben und Arbeit eines Polizeihundeführers. Er erzählt über seine Aufgaben als Hundeführer, die umfangreiche Ausbildung von Polizeihunden und über spannende, heitere und auch tragische Einsätze, die er mit seinen Schäferhunden Gundo, Bux und Carina erlebte. Heute steht ihm mit Sam sein vierter Diensthund zur Seite.



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