Einsatz auf vier Pfoten! | Teil 22

Irma Schultheis’ Leben war schön gewesen. Fünfzig glückliche Ehejahre mit ihrem Mann Rudolf, ihr gemeinsamer Sohn Markus schaffte es in der Zeit bis zum Chefarzt in einer Münchener Klinik. Dann starb Rudolf, zwölf Monate später Markus. Nur sie lebte weiter. Einige Jahre fragte sie sich, warum – und vor allem wozu? Doch ihre Erinnerungen verblassten, mehr und mehr verschwand ihre Biografie in einer nebelhaften Dunkelheit.

Nur manchmal war es ihr, als schalte jemand für kurze Zeit das Licht ein. Momente, in welchen Rudolf und Markus wieder präsent waren. Und sie sich wunderte, warum sie nicht mehr zuhause war, sondern hier, in einem Zimmer, in dem ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle standen, die nicht ihr gehörten. Wie war sie hierher gekommen?

All diese Informationen erhielten wir vom Pflegedienstleiter des Altenheims, in dem Frau Schultheis seit gut zwei Jahren betreut wurde, und aus dem sie gestern Abend verschwunden war. Lebensfreude habe sie nicht mehr, erklärte er, aber selbstmordgefährdet sei sie auch nicht. Er vermutete, dass sich die Patientin schlichtweg verlaufen habe. Sie wisse normalerweise nicht einmal mehr, wie sie heiße, geschweige denn, wo sie wohne.

Es war Anfang Dezember, die Nächte frostig.

Sollte die zierliche Frau in den angrenzenden Wald gegangen sein, war ihr Leben in Gefahr. Nachdem am Vorabend einige Kollegen das gesamte Heim mit seinem parkähnlichen Gelände abgesucht hatten, fahndeten mehrere Streifen in der früheren Wohngegend der fast Neunzigjährigen und im Waldgebiet nach ihr. Als auch der Einsatz eines Hubschraubers mit Wärmebildkamera fehlgeschlagen war, entschloss sich die Einsatzleitung nach Mitternacht, die Suche abzubrechen und heute bei Tageslicht fortzusetzen.

Mit mindestens fünfzig Kollegen stand ich an diesem Morgen auf dem Wanderparkplatz nahe des Altenheims. Wir umringten den Einsatzleiter und den Pflegedienstchef, der soeben die Details bekannt gegeben hatte. Auch, dass von der Bekleidung der Vermissten zumindest bekannt war, dass sie eine beige Strickjacke und dunkelblaue Filzpantoffeln trug.

Ich betrachtete den ausgedruckten Lageplan. Am Rand des festgelegten Suchgebietes war ein Planquadrat mit „DHF 3“ rot markiert. DHF bedeutete Diensthundeführer, ich war die Nummer drei, einer von sieben, die heute Frühdienst hatten. Die übrigen Beamten waren aus allen umliegenden Dienststellen zusammengetrommelt worden.

Auf der Suche

Wir Hundeführer machten uns eine viertel Stunde vor den anderen auf den Weg, um zu vermeiden, dass Kollegen falsche Spuren legen. Nachdem Bux und ich unser Suchgebiet erreicht hatten, befestigte ich die lange Fährtenleine an seinem Halsband. Das allein war für ihn schon Signal genug, um zu wissen, worum es ging: Suchen! Er spitzte die Ohren in Richtung der Fichtenschonung vor uns, stellte sie dann aber wieder auf „neutral“. Gehört hatte er offenbar nichts Bemerkenswertes. „Such!“, sagte ich und fügte ein „Pass auf!“ hinzu, um meinem Hund deutlich zu machen, dass es um einen Menschen und nicht um Rauschgift ging. Mit erhobenem Kopf lief Bux los.

Ich ließ die Leine bis zu deren Ende durch meine Hand gleiten und folgte meinem Hund. Der blieb immer wieder einmal stehen und wechselte dann scheinbar willkürlich die Richtung. Ich ließ ihn gewähren, schließlich nahm er mit all seinen Sinnen millionenfach mehr wahr als ich. So führte er mich an einem trockenen Wassergraben entlang, der sich durch den Wald schlängelte, umrundete einen Busch, ehe er plötzlich mit tiefer Nase beschleunigte und sich nach einigen Metern hinlegte.

Damit zeigte er mir etwas an!

Ich legte die Leine ab und eilte zu Bux. Es hätte irgendein Gegenstand sein können, doch, tatsächlich, zwischen seinen Vorderpfoten lag ein blauer Hausschuh. „Guuut gemacht!“, lobte ich meinen Hund und streichelte ihm erfreut über den Rücken. Er freute sich auch und fegte noch liegend mit seinem Schwanz den Waldboden. „Und jetzt, mein Bub“, sagte ich, „finden wir auch die Frau! Such!“

„Hoffentlich lebend,“ murmelte ich noch, als Bux bereits aufgesprungen war und unübersehbar einer für mich unsichtbaren Fährte folgte. Er zerrte mich derart hinter sich her, dass ich in den Laufschritt wechseln musste. Wir erreichten den hell geschotterten Forstweg, der eigentlich die Grenze unseres Suchgebietes bedeutete. Doch was interessierten einem Hund Grenzen, wenn er sich seiner Sache sicher war? Ohne zu zögern überquerte Bux die Fahrbahn und verschwand gegenüber in den Büschen aus meinem Blickfeld. Ich fürchtete schon, er würde mich ebenfalls durch das Gestrüpp ziehen, als der Zug an der Leine plötzlich abbrach. Dann hörte ich leises Winseln, das mit einem kräftigen „Wuff!“ endete.

Hatte sich Buxi verletzt?

Ich warf das Leinenende weg und suchte mir einen anderen Weg durch das Dickicht. Dahinter fand ich meinen Hund. Er lag aufgeregt hechelnd im tiefen Laub, neben ihm eine Frau, deren Arm Buxi immer wieder mit seiner Schnauze anstupste. Ich kniete mich daneben, nahm ihre Hand in meine. Sie fühlte sich kühl an. „Frau Schultheis?“ Ihre Augen blieben geschlossen, aber sie antwortete. „Mir ist so kalt.“

Ich zog meinen Parka aus, deckte die Frau damit zu und sprach beruhigend auf sie ein. „Alles wird gut,“ sagte ich und nahm mein Funkgerät in die Hand.

„Hier DHF 3, Vermisste aufgefunden! Sie lebt!“ Ich erklärte noch kurz, wohin der Rettungsdienst kommen musste und kümmerte mich dann weiter um Frau Schultheis. Währenddessen hörte ich am Funkgerät Lobeshymnen auf meinen Buxi, die er sich wahrlich verdient hatte. „Toller Hund!“, „Gratuliere, gut gemacht!“, „Klasse, wenn wir euch nicht hätten!“

„Ja, wenn ich dich nicht hätte…“ sagte ich, schaute Buxi in die Augen und kraulte ihm die Ohren.

Hier erfährst du, wie es weitergeht.

Elmar Heer arbeitet seit 40 Jahren als Polizeibeamter. 1990 wechselte er vom Streifendienst zur Diensthundestaffel Mittelfranken. Schon früh entdeckte er seine zweite Leidenschaft: das Schreiben. Mit seinem Buch „Partner auf Leben und Tod“, erschienen bei Droemer-Knaur, gewährt der Autor dem Leser einen Einblick in Leben und Arbeit eines Polizeihundeführers. Er erzählt über seine Aufgaben als Hundeführer, die umfangreiche Ausbildung von Polizeihunden und über spannende, heitere und auch tragische Einsätze, die er mit seinen Schäferhunden Gundo, Bux und Carina erlebte. Heute steht ihm mit Sam sein vierter Diensthund zur Seite.



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