„Wenn ich nur wüsste, was in deinem Kopf vorgeht …“

Vor kurzem gingen einige Schlagzeilen durch die Presse: Ist Spielen am Touchscreen das Sudoku der Vierbeiner? Gassi war gestern, wurde suggeriert. Die Zukunft der hundlichen Auslastung könne durch PC – Spielen stattfinden. Dabei geht es bei dieser Studie um sehr viel mehr. Nämlich um nicht weniger, als die Erforschung des hundlichen Innenlebens. Professor Ludwig Huber hat diesen Touchscreen entwickelt. Der Leiter der Vergleichenden Kognitionsforschung am Messerli Forschungsinstitut in Wien sprach mit der HundeWelt über die wissenschaftlichen Hintergründe seiner Forschungen.

Sehr geehrter Prof. Huber, in der Presse wird über Hunde berichtet, die Sudoku am Tablet spielen. Was halten Sie davon?

Ludwig Huber: Ich muss gleich vorweg sagen, dass dies unsere Forschung nicht wirklich wiedergibt. Es wird immer vom Spielen gesprochen – aber um all das geht es uns nicht. Wir betreiben hier eine ernsthafte Wissenschaft, und zwar vergleichende Kognitionsforschung. Unter anderem an Hunden. 

Das Ganze hat begonnen im Jahr 1989/90, wo ich im Rahmen meiner Doktorarbeit begonnen habe Tauben zu dressieren, verschiedene Bilder unterscheiden zu lernen. Dies nennt man visuelles Kategorisieren. So konnten die Tauben lernen, Bilder von Menschen und Bilder, auf denen keine Menschen zu sehen sind, voneinander zu unterscheiden. Die Tauben haben dies sogar in kürzester Zeit herausgefunden und konnten hunderte von Bildern entsprechend diesem Konzept unterscheiden. Die Kategorisierung durch Tauben war das Thema meiner Doktorarbeit und bildet schlussendlich die Grundlage der aktuellen, von Ihnen angesprochenen Studie. Das Thema ist immer herauszufinden, wie Hunde denken.

Wie genau gingen Sie dabei vor? Welche Rolle spielte der PC dabei?

Ludwig Huber: Mit dem Aufkommen des PCs hatten wir eine bessere Methode der Bildpräsentation. Mittlerweile sind wir umgestiegen auf den Touchscreen. Infrarotstrahlen erkennen so nämlich genau, an welcher Stelle das Tier das Bild berührt. Dies schafft nachvollziehbare Sicherheit für die Forschung. Später trainierten wir auch Krallenäffchen am Touchscreen und 2007 gründeten wir das Clever Dog Lab an der Uni in Wien und da haben wir begonnen, einen Touchscreen für Hunde zu bauen und diese im Bereich der Kategorisierung zu trainieren. Der Hund musste lernen, Bilder mit Hund und Bilder ohne Hund zu unterscheiden. So wird die vorsprachliche Begriffsbildung untersucht. Wenn er das richtige Symbol berührte, kam unten eine Futterbelohnung heraus. Wir hatten viele verschiedene Tiere am Touchscreen. Unter anderem Pandabären, Wölfe, und sogar Schildkröten, die haben wir mit Erdbeeren belohnt. Aber das Grundprinzip ist immer die Erforschung des Lernens –  nicht Spielen. Konkret wollen wir wissen, welche kognitiven Fähigkeiten angesprochen werden. Es beginnt bei der Fähigkeit, Symbole zu unterscheiden und geht bis hin zur Logik, zum schlussfolgerndem Denken.

Was genau dürfen wir uns denn darunter vorstellen?

Ludwig Huber: Das Schlussfolgern nach dem Ausschlussprinzip funktioniert folgendermaßen. Zunächst wird der Hund darauf trainiert, 8 Bilder zuzuordnen. Wir verwenden einfache Bilder, wie die eines Balls oder eines Buchs. Vier sind positiv, das sind Belohnungssymbole. Wenn der Hund diese mit der Schnauze berührt, erhält er Futter. Vier sind negativ, die bringen also kein Futter. Dies muss er zunächst auswendig lernen. Es werden immer zwei Bilder gezeigt, ein positives und ein negatives. Mit der Zeit (etwa 30 Trainingseinheiten) lernt der Hund, (fast) nur mehr das positive Bild auszuwählen. Dann beginnt der erste Test: Ein negatives Bild wird gezeigt und ein neues. Wie reagiert der Hund? Er drückt im Idealfall auf das neue Bild und zeigt damit, dass er gelernt hat, dies als ein positives Symbol anzuerkennen, weil es mit einem negativen Symbol gepaart ist. Diese Aufgabe wurde den verschiedensten Tieren und Menschen gestellt. Tauben scheitern dabei, die Kinder haben es alle geschafft und drei von sechs Hunden.

Und das bedeutet?

Ludwig Huber: Der Beweis dafür, dass sie logisch denken, ist noch nicht ausreichend. Denn es könnte ja durchaus sein, dass der Hund aus bloßer Neugierde das neue Symbol drückt. Oder aber aus Meideverhalten – er meidet halt das schlechte Symbol, das kein Futter bringt und drückt aus diesem Grund auf das andere Symbol. Wenn die Hunde das bis hierher richtig machen, so heißt das also noch gar nicht, dass sie die Logik auch richtig angewandt haben.

Das klingt einleuchtend. Wie gingen Sie weiterhin vor?

Ludwig Huber: Wir haben eine weitere Stufe eingeführt. Zuerst haben die Hunde ein erlerntes negatives Symbol gesehen, nennen wir es den Kreis und dazu ein neues Symbol, nennen wir es das Bügeleisen. Wählen sie nach dem Ausschlussprinzip, dann drücken sie das Bügeleisen. Dafür erhalten sie aber kein Leckerli. Wir verstärken die Reaktion im Test also nicht. Dann bekommt der Hund das Bügeleisen nochmals gezeigt und dazu ein neues, unbekanntes Symbol. Eines, das er noch gar nicht kennt. Hat er die Logik verstanden, so wird er nun wieder das Bügeleisen wählen. Denn er erinnert sich, dass das Bügeleisen das Gegenstück zu dem ursprünglich erlernten Negativsymbol war, also positiv. Wählt der Hund wieder das ganz neue Bild, so wählt er offenbar aus Neugierde. Dadurch, dass er im Test keine Futterbestätigung bekommen hat, können wir hier von wirklichem logischen Denken ausgehen.

Waren alle Hunde gleich gut geeignet, oder gab es auch hoffnungslose Fälle?

Ludwig Huber: Wir haben diese Tests wiederholt und fanden, dass etwa die Hälfte der Hunde das Ausschlussprinzip versteht. Das interessante war, dass die älteren Hunde da durchaus gut waren. Es gab insgesamt 5 Alterskategorien. Bei den einfachen Tests – dem Unterscheidungslernen – da waren die jüngeren Hunde deutlich besser. Bei dem Logiktest waren die älteren Hunde genau so gut, wenn nicht sogar ein wenig besser. Im Alter profitieren die Hunde von den Erfahrungen am Touchscreen, sie haben gelernt, zu lernen. Die jungen Hunde sind da oft viel zu schnell. Die können das gar nicht abwarten und sind viel zu hastig. Die älteren Hunde sind da schon deutlich abgebrühter, entspannter und überlegen länger und sind dadurch im Vorteil.

Wissenschaftler des Karolinska Instituts in Stockholm, dem National Institute for Health and Welfare und der University of Eastern Finland, haben festgestellt, dass die Kombination von Kraft- und Ausdauertraining, gesunder Ernährung und regelmäßigem Gehirntraining die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten der Teilnehmer um 25 Prozent steigern ließ. Versprechen Sie sich von dem Sudoku-Training für ältere Hunde ähnliche Resultate?

Ludwig Huber: Diese Erkenntnis gibt die Forschung nicht her. Dazu benötige ich im Idealfall zwei große Gruppen von Hunden, die sich ähnlich sind. Und dann habe ich eine Gruppe, die täglich eine Stunde arbeitet und eine nicht. Im Laufe des Alterns könnte man dann messen, ob die Hunde im Alltag von dem Training profitieren. Das gestaltet sich jedoch in der Praxis als sehr schwierig, weil sich die Hundegruppen immer unterscheiden. Es gibt Menschen, die machen mit ihren Hunden ganz viel. Die gehen zum Agility, machen Hundesport und spielen mit den Hunden und andere machen gar nichts. Es ist also schwer, diese zusätzlichen Faktoren auszuschließen oder zu kontrollieren, um eine seriöse vergleichende Forschung durchzuführen. Aber wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen – ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ein kognitives Training hilft. Dazu muss man die Hunde nur ansehen. Nach dem Training sind sie gelöst, stolz und richtig, richtig erschöpft. Auf angenehme Art und Weise.

Wie lange haben die Hunde denn gebraucht, bis sie den Touchscreen bedienen konnten?

Ludwig Huber: Es gibt Stufen. Zunächst ist das Ziel, dass die Hunde den Touchscreen mit der Schnauze berühren. Dazu schmieren wir Fleischsauce auf den Bildschirm und wenn der Hund das abschleckt, verschwindet das Bild und unten kommt ein Leckerli raus. Das lernen die Hunde meistens sehr schnell. Das nächste ist, dass sie auf das Muster trainiert werden. Der Hund muss das Symbol genau anstupsen. Das ist wichtig, damit er das richtig Bild wählt. Wenn er das kann, weiß er es gibt zwei Muster und ich muss das richtige drücken.

Kann ich das Zuhause mit meinem Hund auch machen?

Ludwig Huber: Mit Symbolen kann das jeder Zuhause auch machen. Für uns Wissenschaftler ist der Touchscreen wichtig, weil wir immer die Besitzer dabei haben. Das ist so angenehmer für den Hund, dann kann der Besitzer nämlich genau sagen, ab wann der Hund überfordert und müde ist. Das ist uns ganz wichtig, dass es den Hunden dabei gut geht. Das Problem ist jedoch, dass der Besitzer oft dazu tendiert, seinem Hund zu helfen. So erfreulich dies auch ist, weil es zeigt, dass die Bindung zwischen den beiden sehr gut ist, aus wissenschaftlichen Gründen ist es ein Problem. Der Touchscreen steht so, dass der Besitzer nicht sehen kann, was der Hund sieht und macht.

Arbeiten die Hunde gerne mit?

Ludwig Huber: Wir haben schon gesehen, dass die Hunde am Touchscreen nachher schon ziemlich geschafft sind. Aber die arbeiten mit Freude und Begeisterung. Ich kann mich an den Border Collie meiner Assistentin erinnern. Der war das erste Mal am Touchscreen und die Futtermaschine war mit 40 Slots gefüllt. Also mit 40 Belohnungen für eine richtige Auswahl. Die Futtermaschine musste also regelmäßig nachgefüllt werden und das hat meine Assistentin vergessen. Als wir wieder nach ihm sahen, hatte der Hund schon 80 oder 90 Tests weiter gemacht. Ohne Belohnung – aus reiner Freude an der Herausforderung, könnte man sagen. Das positive Empfinden, das eine gelöste geistige Herausforderung bringt, ist selbstbelohnend.

Was würden Sie in der Zukunft gerne weiter erforschen?

Ludwig Huber: Wie denken Hunde, wie lösen sie Aufgaben. Es geht um viele, viele Themen. Der Touchscreen ist das Mittel der Wahl, wenn es um Kognition, Erkennen und Emotion geht. Denn Hunde können am Touchscreen anhand der Mimik eines Menschen genau unterscheiden, in welcher Stimmung sich dieser befindet. Ob der Hund durch das Training weniger altert ist eine Frage, die sich aus der Studie heraus ergeben hat. Ob das Training also einen positiven Effekt auf das Altern hat,  wäre für die Zukunft interessant, das haben wir aber noch nicht erforscht. Heute lässt sich folgendes sagen:  Ältere Hunde sind bei schnellem Lösen von einfachen Problemen deutlich schlechter. Da sind die junge Hunde deutlich besser. Bei schwierigen Logikaufgaben jedoch haben die älteren Hunde nicht nur aufgeholt, sie waren sogar tendenziell ein wenig besser.

Sehr geehrter Herr Huber, vielen Dank für das angenehme Gespräch. Wir sind sehr gespannt darauf, was Sie in Zukunft noch über den Hund herausfinden werden. 

Univ.-Prof. Mag. Dr.rer.nat. Ludwig Huber war Leiter und Mitbegründer des Departments für Kognitionsbiologie an der Universität Wien; 2011 erfolgte der Ruf an den Lehrstuhl für naturwissenschaftliche Grundlagen der Tierethik und der Mensch-Tier-Beziehungen am Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien & Medizinischen Universität Wien (double appointment) und Universität Wien. Zu den Schwerpunkten der Forschungen von Professor Huber zählen das Wahrnehmungslernen, Imitation und Empathie bei Hunden.


Dieses Interview stammt aus der HundeWelt.

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