Ein Zweithund zieht ein, und du wünschst dir, dass beide schnell zueinanderfinden? Ob die Eingewöhnung gelingt, entscheidet sich oft schon vor dem ersten Treffen, bei deinem Ersthund und bei dir.
Bevor der Neue kommt: Was dein Ersthund können sollte
Bei der Vorbereitung denken viele zuerst an Sitz, Platz und Fuß. Hundetrainerin Christine Ströhlein, die selbst mit sechs Windhunden aus dem spanischen Tierschutz lebt und seit über 15 Jahren Menschen mit mehreren Hunden begleitet, setzt andere Schwerpunkte. Lässt sich dein Hund aus einem wilden Spiel oder einer Jagdsequenz herausholen? Kommt er zuverlässig, wenn es gerade spannend ist? Kann er warten, statt sofort zu reagieren?
Entscheidend ist dabei der Zusammenhang. Ein Rückruf, der nur auf der leeren Wiese klappt, hilft dir mit zwei Hunden wenig. Ab dem Einzug ist die Ablenkung immer dabei, denn sie läuft auf vier Pfoten neben deinem Hund her. Prüfe deshalb vorher ehrlich, wie sicher Rückruf, Abbruch und Leinenführigkeit in Gesellschaft anderer Hunde sitzen, und übe nach, wo es hakt.
Ein zweiter Punkt wird oft übersehen: Neue Regeln gehören vor den Einzug. Soll die Couch tabu sein, sobald zwei Hunde im Haus leben, führe das schon Wochen vorher ein. Sonst verknüpft dein Ersthund die Einschränkung mit dem Neuling, nach dem Motto: Seit der da ist, darf ich nicht mehr aufs Sofa. Ob du selbst bereit für einen zweiten Hund bist, kannst du vorab mit unserem Test Bist du bereit für einen Zweithund? prüfen.
Im Themenmodul „Mehrhundehaltung: So geht’s!“ auf Minerva Campus führt dich Hundetrainerin Christine Ströhlein in rund 31 Minuten Video von der Entscheidung über die Auswahl nach Alter, Geschlecht, Rasse und Herkunft bis zum Alltag in der Gruppe. Dazu gibt es ein druckfertiges Zusatzmaterial, ein interaktives Praxistool und als Bonus das Namensspiel mit ihren eigenen Hunden. Preis: 39 €.
Zum Themenmodul auf Minerva CampusDas erste Treffen: neutraler Boden, kein Futter, viel Bewegung
Für das Kennenlernen gilt Kooperation statt Konfrontation. Du steuerst die Situation, nicht die Hunde. So erlebt der Neuling von Anfang an, dass er bei dir sicher ist, und dein Ersthund merkt, dass er nicht für alles zuständig ist.
So bereitest du das erste Treffen vor
- Neutraler Boden: ein ruhiges Gelände, das keiner der beiden kennt. Die gewohnte Gassirunde ist nicht neutral, und auch keine Strecke, die dein Hund mit viel Aufregung verbindet.
- Sicherung: in einem sicher eingezäunten Bereich oder an der langen Leine, keine Flexileine.
- Keine Konkurrenz: kein Futter, kein Spielzeug, keine Leckerlitasche in Reichweite.
- Parallel gehen: beide Hunde laufen in dieselbe Richtung, der Abstand darf sich verändern. Lieber mehrere kurze Begegnungen als eine lange. Freilauf erst, wenn es sicher ist.
Gemeinsames Gehen nimmt Druck aus der Begegnung, deshalb funktionieren Spaziergänge oft besser als ein Treffen im Stehen. Achte dabei auf kleine Stresszeichen wie Gähnen, Über-die-Nase-Lecken, Wegdrehen oder Schütteln. Sie zeigen dir, wann eine Pause oder mehr Abstand guttut.
Die ersten Wochen: ankommen, gewöhnen, einleben
Nach dem Einzug beginnt die eigentliche Arbeit. Tierheime nennen dafür oft eine einfache Faustregel, die Christine Ströhlein als 3-Phasen-Denken beschreibt:
Das 3-Phasen-Denken
- Ankommen: die ersten 3 Tage
- Gewöhnen: die ersten 3 Wochen
- Einleben: die ersten 3 Monate
Das sind Richtwerte, keine Fristen. Gib jeder Phase die Zeit, die deine Hunde brauchen.
In dieser Zeit geht Management vor Training. Kindergitter schaffen Rückzugsorte, in denen jeder Hund ungestört ruhen kann. Gefüttert wird getrennt. Ruhezeiten planst du fest ein, denn weniger Schlaf bedeutet mehr Stress und damit mehr Konfliktpotenzial. Spaziergänge gehst du anfangs am besten zu zweit, damit jeder Hund einen Menschen an seiner Seite hat.
Behalte auch deinen Ersthund im Blick. Manche Ersthunde erleben mit dem Neuen einen zweiten Frühling und spielen plötzlich wieder ausgelassen. Das ist schön, kann aber auch anstrengen. Christine Ströhlein weist darauf hin, dass nicht jede Spielaufforderung reine Freude ist, manchmal ist sie ein Versuch, die Lage zu beruhigen. Wichtig ist außerdem: Dein Ersthund ist kein Miterzieher. Schutz und Grenzen kommen von dir, sonst orientiert sich der Neuling später mehr an ihm als an dir.
Welpe zieht ein: Warum du ihn schützen musst
Verlass dich nicht auf den Welpenschutz
Viele Halter gehen davon aus, dass erwachsene Hunde einen Welpen grundsätzlich schonen. Darauf ist kein Verlass. Wie geduldig ein erwachsener Hund mit einem Welpen umgeht, ist sehr verschieden. Den Schutz des Welpen übernimmst du.
Das gilt in beide Richtungen. Nach Christine Ströhleins Erfahrung lassen sich manche erwachsene Hunde viel gefallen, oft nur, weil der Mensch nicht eingreift und sie daraus schließen, dass der Welpe das darf. Hier bist du gefragt. Weist der Große den Kleinen selbst zurecht, ist das bis zu einem gewissen Punkt in Ordnung. Schützt du den Welpen dagegen zu sehr, kann er sich einen Sonderstatus einbilden, und die Stimmung kippt. Christine Ströhleins Rat: den Kleinen begrenzen, den Großen ebenfalls und den Großen bei Bedarf auch vor dem Kleinen schützen.
Knurren, Knochen, Körbchen: Ressourcen fair regeln
Früher oder später knurrt einer. Das ist kein Grund zur Sorge, sondern Kommunikation. Knurren schafft Abstand und hilft, ernsten Streit zu vermeiden. Dass Hunde dieses Signal sehr genau lesen, zeigte ein Forschungsteam um Tamás Faragó von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest im Jahr 2010: Hunde, denen beim Annähern an einen Knochen das Knurren eines futterverteidigenden Artgenossen vorgespielt wurde, ließen den Knochen häufiger liegen als bei Knurrlauten aus dem Spiel oder aus einer Drohsituation mit einem Fremden. Wer Knurren bestraft, nimmt dem Hund also ein wichtiges Werkzeug.
Eingreifen solltest du bei Mobbing und bei Frühwarnzeichen, die sich häufen: Meideverhalten, Fixieren, Verharren an Napf, Kauartikel oder Liegeplatz, steigende Spannung. Dann hilft ein freundlicher Abbruch, also Abstand schaffen und die Hunde umorientieren, ohne Strafe. Regeln zu Ressourcen, zu Begrüßungen und dazu, wer wann starten darf, gelten für alle Hunde und werden an Alter und Ausbildungsstand angepasst. Eine Rangordnung erzwingst du nicht. Erarbeitet sich der Neue einen höheren Rang als dein bisheriger Liebling, akzeptierst du das und gehst mit beiden respektvoll um.
Das Namensspiel: Damit jeder Hund weiß, wann er gemeint ist
Kennst du das? Du rufst einen Hund, und der andere kommt. Weil Kommen sich immer lohnen soll, bekommt er seine Belohnung, obwohl er gar nicht gemeint war. So verlieren die einzelnen Namen in einer Gruppe schnell ihre Bedeutung. Christine Ströhlein setzt dem das Namensspiel entgegen. Der Grundgedanke ist einfach: Erst wendest du dich einem Hund zu, dann suchst du Blickkontakt, dann nennst du seinen Namen, und erst dann kommt das Futter. Die anderen lernen dabei, dass sie nichts tun müssen, wenn ihr Name nicht fällt.
Wie das Spiel Schritt für Schritt aufgebaut wird, worauf es beim Timing ankommt und wie du ein Signal für alle Hunde gleichzeitig einführst, zeigt sie im Themenmodul mit ihren eigenen Windhunden.
Häufige Fragen
Wie lange dauert die Eingewöhnung eines Zweithundes?
Als Faustregel gelten 3 Tage zum Ankommen, 3 Wochen zum Gewöhnen und 3 Monate zum Einleben. Manche Hunde brauchen länger. Entscheidend ist, dass du jeder Phase die Zeit lässt, die sie braucht.
Wo sollten sich Ersthund und Zweithund zum ersten Mal treffen?
Auf neutralem, reizarmem Gelände, also nicht auf der gewohnten Gassirunde und nicht im eigenen Garten. Bewährt haben sich gemeinsame Spaziergänge in dieselbe Richtung mit wechselndem Abstand, ohne Futter und ohne Spielzeug.
Gibt es einen Welpenschutz?
Auf einen allgemeinen Welpenschutz kannst du dich nicht verlassen. Wie tolerant ein erwachsener Hund mit einem Welpen umgeht, ist von Hund zu Hund verschieden. Den Schutz des Welpen übernimmst du als Mensch.
Darf mein Ersthund den Neuen anknurren?
Ja, Knurren ist Kommunikation und dient dazu, Abstand zu schaffen und Streit zu vermeiden. Bestrafe es nicht. Eingreifen solltest du, wenn ein Hund den anderen dauerhaft bedrängt, fixiert oder von Ressourcen fernhält.
Sollten zwei Hunde getrennt gefüttert werden?
Gerade in der Eingewöhnung ja. Getrennte Fütterung, etwa in verschiedenen Räumen oder durch ein Kindergitter getrennt, nimmt Spannung aus der Situation, bevor überhaupt ein Konflikt entsteht.
