Hundeangriff | Wie verhalte ich mich?

Je labiler man ist, desto eher wird man von einem Hund angegriffen, weiß Dr. Carri Westgarth von der University of Liverpool, dank einer um- fangreichen Studie mit über 700 Teilnehmern. Vieles spricht dafür, dass das auch auf Hunde zutrifft. Scheue, unsichere und ängstliche Hunde werden nicht selten Opfer von Übergriffen durch andere Hunde.

Kein Einzelfall

Das musste HundeWelt-Leserin Theresia erfahren, die mit ihrer Hündin Blue auf einem Feld unterwegs war. „Mir kam ein riesiger dunkler Labrador entgegen, daneben eine ältere Frau mit der Leine um den Hals. Der Hund ging Fuß, die Frau stolzierte neben ihm her. Der Hund ging frontal auf uns zu und ich ging mit Blue einen Bogen. Wir hatten sie gerade hinter uns gelassen, da stürzte der Labrador sich von hinten auf Blue. „Das macht er sonst nie“, hörte ich. „Nur weil ihre so ängstlich ist!“ Ich fand das so unverschämt, dass ich keine Worte fand. Ein Mann ging vorbei und sagte zu der Frau „Ehrlich – wenn Sie den nicht unter Kontrolle haben, dürfen Sie ihn auch nicht frei laufen lassen.“ Ohne ein Wort machte sie den Hund an die Leine und ging“. Blue hatte keine Verletzungen, aber seitdem fragt Theresia sich, wie sie sich im Falle eines Angriffs am besten verhält.
Wir haben drei Experten befragt …

Jan Nijboer:

„Die Chance, dass der Hund sich darauf einlässt, ist meiner Erfahrung nach relativ hoch.“

„Hunde sind immer noch territoriale Tiere und daher sollte man bei Begegnungen zwischen fremden Hunden, anfänglich nicht von Sozial-, sondern eher von territorial motivierten Verhalten der Hunde ausgehen. Der Grad der sexuellen Frustration entscheidet ebenfalls, wie ernsthaft dieses Territorialverhalten gezeigt wird. Vorbeugen ist grundsätzlich immer die beste Variante. Wenn man unterwegs mit einem aufgeregten Hund konfrontiert wird, biegt man mit seinem Hund in die entgegengesetzte Richtung ab. Damit signalisiert man dem anderen Hund, dass man keine Konfrontation ansteuern möchte. Kommt der Hund doch hinterher, wäre es gut etwas Leckeres, z.B. Käsestückchen aus der Jacke nehmen zu können. Dann könnten Sie mit einem kleinen Sprung (klarer Impuls für den anderen Hund) auf diesen zugehen und das Wurst- oder Käsestückchen sichtlich vor ihm, ein paar Mal hochwerfen. Danach werfen Sie es über den Hund weit weg.

Die Chance, dass der Hund sich darauf einlässt, ist meiner Erfahrung nach relativ hoch. Danach gehe ich zügig weiter und werfe immer mal wieder ein Leckerli hinter mich. Viele Hunde folgen dann mit einer völlig anderen Motivation. Der Besitzer oder die Besitzerin des Hundes muss nun rennen, um den eigenen Hund wieder einzuholen, und das ist auch gut so. Beim nächsten Mal, wenn der Besitzer oder die Besitzerin mich sehen wird, wird der Hund hoffentlich schnell angeleint werden. Wenn dies alles nicht geholfen hat und es zu einem echten Angriff kommt, ist es wichtig, den eigenen Hund abzuleinen oder mindestens die Leine fallen zu lassen. Ich kann nur schildern wie ich vorgehen würde, denn die Gesetzesgrundlage in Deutschland ist so, dass ich keiner Person raten kann, das Gleiche zu tun.

Also alles auf eigenes Risiko! Ich würde bald möglichst den Angreifer an seinen Hinterläufen hochhalten und gegen meinen Hund drücken. Dadurch lässt er in der Regel los und kehrt sich nun nach hinten gegen mich. Jetzt kommt es darauf an, mit dem Hund mit zu drehen, während man ihn weiter festhält, bis Hilfe kommt, die dann den Hund vorne mit einer Leine befestigen kann. Und Anzeige erstatten gegen den Hundebesitzer oder die Hundebesitzerin, der oder die der Aufsichtspflicht nicht nachgekommen ist!“

Jan Nijboer entwickelte seine Philosophie des „Natural Dogmanship“. „Sich an seiner Bezugsperson zu orientieren, sollte für Hunde stets Sinn ergeben. Ein harmonisches Miteinander von Mensch und Hund ist nur möglich, wenn die Bedürfnisse beider befriedigt werden“, sagt er.


Martin Weitkamp:

„Häufig steigert sich die Intensität der Attacke eben durch das Eingreifen eines Hundebesitzers.“

„Man kennt das leider…. Der eigene Hund ist, davon gehe ich mal aus, angeleint und ein freilaufender Kamerad schießt direkt auf unseren Vierbeiner zu.
Wie verhalte ich mich nun richtig? Das Problem ist, es gibt kein Patentrezept. Auf gar keinen Fall aber sollte ein Hundebesitzer versuchen, eigenhändig die Streit- hähne zu trennen. Das kann böse ins Auge, oder in die Hand bzw. Beine gehen. Unter Umständen verliert auch der eigene Hund den Überblick und schnappt dann auch schon mal gern zu. Den fremden Hund einzuschätzen, ist meist nicht ganz einfach. Erfahrenen „Hundlern“ mag dies gelingen, um dann durch die eigene Körperhaltung den Angreifer von der Attacke abzuhalten. Generell zu empfehlen wäre dies aber eher nicht.

Auch sollte keinesfalls der eigene Hund hochgehoben werden, um ihn zu schützen. Das endet regelmäßig mit schmerzhaften Blessuren des Hundehalters. Gelegentlich hilft ein Schwall Wasser auf die Kontrahenten um beide abzulenken und um dann beherzt eingreifen zu können. Das Problem ist, das auf dem Spaziergang selten ein Eimer Wasser zur Hand ist.
Hilfreich könnte sein, beide Hunde an den Hinterläufen zu fassen, leicht anzuheben und wegzuziehen. In der Regel lassen die Hunde dann voneinander ab und der Vierbeiner wird sich meist nicht so schnell herum drehen können. Haben die Streithähne voneinander abgelassen, bitte sofort wieder loslassen, sonst könnte auch der eigene Hund aus Panik nach hinten schnappen wollen. Hier spielt dann ein bisschen die Beziehung Hund-Hundeführer eine Rolle.

Das Beschriebene „an den den Hinterläufen fassen“, funktioniert aber auch nur, wenn beide Hundebesitzer anwesend und sich einig sind. Wenn möglich, mag es am besten sein, den eigenen Hund von der Leine zu lassen oder die Leine fallen zu lassen. Denn sehr oft ist ein solcher Angriff nicht zu martialisch gemeint, wie es ausschaut. Häufig steigert sich die Intensität der Attacke eben durch das Eingreifen eines Hundebesitzers. Es kommt, wie immer, auf den Einzelfall an.“

Martin Weitkamp hat in seinem Leben schon unzählige Hunde ausgebildet: und zwar zu Minensuchhunden, Sprengstoffspürhunden und Schutzhunden. Sowohl bei der Polizei als auch bei der Bundeswehr konnte er eine Vielzahl von Diensthundprüfungen erfolgreich ablegen. Exklusiv in der HundeWelt und hier lässt er uns an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben. Er ist ebenfalls Autor des Buchs “Im Schatten der Gefahr“.


Radana Kuny:

„Erfolgreich kann die Trennung der Hunde sein, wenn man eine Jacke über den Angreifer wirft.“

„Im Idealfall handelt es sich bei dem Angriff um einen Kommentkampf. Einem Streit, der nicht das Ziel hat den anderen zu verletzen. Hier geht es meistens um Ressourcen und auch wenn sich das „Gerangel“ heftig anhört, passiert selten was Ernstes. Hier sollte man einfach weggehen, sich nicht einmischen. Ein Einmischen würde diesen Streit eher verstärken. Diese Art des Streitens kann auch bei befreundeten Hunden passieren und dauert oft nur ein paar Sekunden.

Bei einem ernsthaften Kampf mit Beschädigungsabsicht (Bisse in Kehle, Bauch und Pfoten) sieht es dagegen anders aus. Ein Weggehen bringt hier nichts. Jedoch kann ein Eingreifen auch für den Menschen gefährlich werden. Erfolgreich kann die Trennung der Hunde sein, wenn man eine Jacke über den Angreifer wirft. Die plötzliche Dunkelheit irritiert ihn und er lässt kurz von seinem Opfer ab. Diesen Moment muss man nutzen, um den Angreifer durch die Jacke hindurch festzuhalten Hunde, die sich ineinander verbissen haben, dürfen nie „auseinandergerissen“ werden – die Gefahr von tiefen Risswunden ist zu hoch. Hier sollten die Hunde eher festgehalten, mit sanftem Druck gegeneinander gedrückt werden, bis sie von selbst loslassen. Leider fast unmöglich, wenn man alleine ist.

Bewährt hat sich bei uns in mehreren Fällen, dass wir einen angreifenden Hund mit einem lauten Schrei abblocken und eine Handvoll Futter auf ihn werfen. Das Abblocken lässt ihn kurz innehalten und das Futter lenkt ihn vom anderen Hund ab. Leider gibt es keine gültige Lösung – keine Handlung, die immer hilft. Ruhe bewahren ist trotzdem das Beste, was jeder Hundehalter in solch einer Situation tun sollte.“

Radana Kuny wurde 1965 in Prag geboren und arbeitet als Verhaltensberaterin/Hundetrainerin mit Hunden und als Coach mit Menschen. Durch ihre angeborene Hellfühligkeit hat sie im Laufe von 10 Jahren ein eigenes Coaching- und Trainingskonzept, die „Shanti-Methode“ entwickelt. Mittlerweile hat sie hunderten von Menschen geholfen ihre Hunde besser zu verstehen.

Titelbild: AdobeStock/tverkhovinets


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