Kendo der Allrounder

Martin Weitkamp beschรคftigt sich seit 40 Jahren mit der Ausbildung von Hunden. Hier berichtet er รผber seine vielen Einsรคtze …

Kendo war mit mir in einigen Teilen der Welt unterwegs. Zusammen suchten wir nach Landminen und Blindgรคngern in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Wir unterstรผtzten die UN bei der Suche nach Sprengstoff und Waffen an Grenzรผbergรคngen. In Sri Lanka und Pakistan halfen wir der Armee und der Polizei ebenfalls bei der Suche nach Explosivstoffen. In Kenia fรผhrte Kendo seine Fรคhigkeiten auszubildenden Rรคumtrupps vor, die dann spรคter in Afrika Landstriche von gefรคhrlichen Sprengstoffen befreien sollten, wรคhrend wir im Anschluss in Angola dann wieder selbst auf der Suche nach Minen und Sprengkรถrpern waren, die den Bau einer Stromtrasse behindert hรคtten.

Kendo, der Malinois

Kendo war mein erster Malinois. Er kam mit schon sieben Wochen aus Holland zu mir. Der Kleine war nicht viel grรถรŸer als ein kleines Zwergkaninchen, was er aber รผberhaupt nicht so sah. Auffรคllig waren von Beginn an sein enormes Durchsetzungsvermรถgen und seine Fรคhigkeit, niemals aufzugeben. Kendo sollte sich zwar hauptsรคchlich bei mir in der Wohnung aufhalten, sich aber auch an den Zwinger gewรถhnen. Als er das erste Mal dort hinein musste und ich wegging, bellte oder fiepte er nicht. Er schrie wie am SpieรŸ. Ich hatte mir zwar extra einen Tag fรผr dieses Experiment ausgesucht, um die Nachtruhe der Anwohner nicht zu stรถren, aber trotzdem beschwerte sich prompt die Nachbarin. Ihr Sohn habe Nachtschicht gehabt und mรผsse schlafen, also brach ich den Versuch ab. Ich ging zum Zwinger, Kendo schrie immer noch und biss mir herzhaft aus Protest ins Bein. Das ist bei einem 7,5 Wochen alten Hund zunรคchst noch nicht so tragisch, trotzdem wollte ich derlei Aktionen nicht durchgehen lassen. Ich fasste ihn also mit leichtem Griff und wollte ihm mitteilen, dass mich beiรŸen nicht nett ist โ€“ allerdings biss er prompt in die Hand. Ich schรผttelte ihn ab und er biss direkt nochmal. Mein Griff wurde etwas fester, Kendos ebenfalls und ich schubste ihn leicht von mir weg. Da Kendo nicht unbedingt viel Gewicht entgegenzusetzen hatte, war der Schubs wohl etwas heftig und ich dachte gleichzeitig: โ€žMensch, so ein Mist โ€ฆ รผberreagiert.โ€œ Der Bursche rappelte sich wieder hoch, Ohren nach vorne, Rute kerzengerade und erneut โ€“ Attacke! Nun, die erste Runde ging zweifelsfrei an ihn. Kendo hatte also direkt als erste Lektion gelernt: Ich muss nur lange genug durchhalten und dann bekomme ich am Ende meinen Erfolg. Sinnvoller wรคre es natรผrlich gewesen, wenn ich gewartet hรคtte, bis er einmal zumindest kurz in seinem Domizil ruhig ist und ihn dann herausgeholt hรคtte. Dann hรคtte er gelernt, dass man mit Ruhe zum Ziel kommt und nicht mit Schreien, Kreischen und BeiรŸen.

Der Kampf um die Couch

ร„hnliches setzte sich natรผrlich in der Wohnung fort. Mein kleiner Freund hopste auf die Couch, drehte sich einmal und legte sich. Nun, damit waren weder ich noch meine Frau einverstanden. Wir schubsten ihn also recht zรผgig wieder herunter. Man kann sich vorstellen, das Ganze ging nicht ohne Rangelei ab, aber am Ende konnten wir uns durchsetzen. Kendo gab tatsรคchlich ausnahmsweise nach. Diese Runde ging dann mal an uns. In der Form zogen sich eigentlich die ersten 18 Monate hin. Kendo versuchte stets seinen Kopf durchzusetzen und zunรคchst mal alles infrage zu stellen. Mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Am Ende, nach ca. 18 Monaten, hatten wir dann eine ziemlich intensive Diskussion, aus der ich aber wohl eindeutig als Sieger hervorging und von da an war Kendo wie ausgewechselt. Wir konnten uns beide sehr gut einschรคtzen und funktionierten als Team reibungslos. Ein Blick von mir reichte und er wusste, was zu tun war. Umgekehrt konnte aber auch ich ihn aufgrund seiner Kรถrpersprache sehr gut interpretieren. Vielleicht kamen wir uns gerade deswegen nie wieder ins Gehege.

Der Ernst des Lebens

Kendo legte als Erstes sehr erfolgreich die Diensthundeprรผfung bei der Bundeswehr ab und wiederholte dies mit einer einzigen Ausnahme noch ca. 14 Mal. Gleichzeitig waren wir beide sehr aktiv im Vielseitigkeitssport (15x IPO 3 Prรผfung) und gerade auch hier zeigte sich immer sein Wille zum Durchhalten. Wir erlebten Prรผfungen mit schweren Fรคhrten, viele teilnehmende Hunde konnten das Ziel nicht erreichen, Kendo hingegen kam immer an. Kendo hatte darรผber hinaus eine sehr rasche Auffassungsgabe und hohe Lernfรคhigkeit. Ich begann damals Minenspรผrhunde auszubilden. Die ersten waren bereits im Einsatz, da fragte ein Fernsehteam an, ob es mรถglich sei, รผber meine Arbeit und die Ausbildung der Hunde zu berichten. Es sollte natรผrlich ein Minenspรผrhund zur Verfรผgung stehen und der Termin fรผr die Aufnahmen sollte schon zwei Tage spรคter sein. Nun, auรŸer Kendo, der mit Minenspรผren zu dem Zeitpunkt noch gar nichts zu tun hatte, war kein anderer Hund vor Ort, alle waren in Bosnien im Einsatz.

Das Fernsehen kommt

Ich ging mit Kendo nach drauรŸen, fรผhrte ihn zu einer Minenattrappe, lieรŸ ihn davor absitzen und bestรคtigte ihn. Danach schickte ich ihn aus einiger Entfernung zu der Attrappe, er setzte sich, ich bestรคtigte ihn. Die Aufnahmen funktionierten reibungslos. Kendo suchte nach den Attrappen und zeigte diese durch โ€žVorsitzenโ€œ an, als wรคre dies sein tรคgliches Brot. Ich weiรŸ, es klingt unwahrscheinlich, aber genau so hat es sich abgespielt. Da Kendo sich ja so auรŸergewรถhnlich eingefรผhrt hat, begann ich, ihn ernsthaft zum Minenspรผrhund auszubilden. Wie erwartet, lernte er sehr schnell und wir konnten zusammen nach Kroatien, um dort real nach Minen zu spรผren. Natรผrlich musste vorher eine รœberprรผfung durch die UN vorgenommen werden, die er bzw. wir beide bestanden. Nachdem wir zurรผck in Deutschland waren, musste die Ausbildung einen etwas anderen Weg nehmen. Da wir hier keine Minenproblematik haben, sollte Kendo nun Sprengstoffspรผrhund werden. Auf den ersten Blick mag der Unterschied unbedeutend erscheinen, aber die Art der Arbeit und die wahrzunehmenden Stoffe sind schon sehr unterschiedlich. Darรผber hinaus nahmen wir weiterhin am hundesportlichen Geschehen teil und gleichzeitig bildete ich ihn zum โ€žStรถberhundโ€œ aus. Hier soll der Hund auf einer vorher festgelegten Flรคche von ca. 50m x 25m (je nach Prรผfungsstufe mehr oder weniger) ziemlich kleine Gegenstรคnde (bis zu 5 verschiedene) mit menschlicher Witterung finden und seinem Hundefรผhrer anzeigen. Kendo war so ziemlich einer der ersten Hunde in Deutschland, der die Stรถberprรผfung 1-3 mit sehr respektablen Ergebnissen, teilweise weit unter dem vorgegebenen Zeitfenster, ablegte. Bei aller Arbeitsfreude und Fรผhrigkeit hat er aber eines nie vergessen โ€“ seinen allerersten Erfolg damals.

Kendo in Action

Kendo war schon deutlich รคlter, da musste ich ihn allein Zuhause lassen. Ich kam nach knapp zwei Stunden zurรผck und dachte wirklich mich trifft der Schlag. Es waren keine Gardinen mehr an den Fenstern, kein Sessel stand mehr aufrecht, kein Kissen hat รผberlebt. Die Wohnungstรผren waren zerkratzt, das Holz zum Teil herausgebrochen. Von heruntergefallenen und zerbrochenen Dekorgegenstรคnden gar nicht zu reden. Inmitten der Bombentrichter saรŸ, mit Federn aus den Kissen bestรคubt, Kollege Kendo und blickte mich vorwurfsvoll an. Fรผr ihn ganz klar โ€“ selbst Schuld, was lรคsst Du mich auch allein.Unterwegs in Pakistan
In Pakistan musste ich Kendo einmal bei meinem Gastgeber zurรผcklassen, da ich nur kurz in meine Unterkunft wollte, um etwas zu holen. Ich war dort gerade angekommen, als mich der verzweifelte Anruf aus dem Haus meines Gastgebers erreichte. Kendo hatte sich, wie auch immer, aus dem Transportkennel befreit und turnte nun รผber das Gelรคnde. Ich bin sofort zurรผck, denn mein kleiner Freund konnte Fremden gegenรผber durchaus eklig werden, wenn ihm irgendetwas nicht passte. Zudem sind die Menschen in Pakistan nicht zwingend begeistert, wenn ein Hund durch das Haus stromert und schon gar nicht, wenn dieser dazu neigt, eine Schneise der Verwรผstung zu schlagen. Ich kam also an und Kendo hockte mit meinem Gastgeber im Wohnzimmer des Hauses auf der Couch und lieรŸ sich begeistert kraulen. Auch da war ich wiederum einem Herzinfarkt sehr nahe.

Sรคureattentat auf Kendo

Im Alter von neun Jahren legte Kendo seine letzte Diensthundeprรผfung ab. Ich hatte ihn ein Jahr zuvor komplett untersuchen lassen, um festzustellen, wie es um die Gesundheit und um die Knochen bestellt ist. Er war nach wie vor komplett gesund, hatte eine Wirbelsรคule und Gelenke wie ein junger Hund, lediglich an einer Zehe war eine beginnende Arthrose festzustellen. Zwei Monate nach der Prรผfung fiel Kendo wรคhrend einer Dienstpause einem Sรคureattentat zum Opfer. Er befand sich zu dem Zeitpunkt in einem Freiauslauf. Leider konnte man von auรŸen an den AuรŸenzaun heran und vermutlich von dort wurde ihm dann Sรคure ins Gesicht gesprรผht. Der Tรคter lieรŸ sich leider nie ermitteln. Kendo war ziemlich schwer verletzt und der Tierarzt riet mir, ihn aufgrund seines Alters besser einschlรคfern zu lassen. Damit war ich nicht einverstanden, denn so sollte sein Leben doch keinesfalls enden. Es dauerte recht lang, aber Kendo konnte sich vollstรคndig erholen. Mit diesem Anschlag war natรผrlich Kendos Arbeit komplett beendet und er war fortan Rentner. Im Nachhinein betrachtet war die Entscheidung, ihn nicht einschlรคfern zu lassen, absolut richtig. Kendo ist heute 15 Jahre alt, lebt bei mir auf dem Hof zusammen mit Chessy (14), Attra (8), Banja (7), Darex (5), Ennox (4) und drangsaliert seine Rudelmitglieder nach wie vor. Gut, die anderen nehmen eigentlich keine groรŸe Notiz mehr, wenn er sich aufbaut und klarmachen mรถchte, wer der Chef ist. Wenn er mich in der Nรคhe weiรŸ und nicht zu mir kann, schreit er nach wie vor wie am SpieรŸ, das hat er nicht verlernt und wird es ganz sicher auch nicht mehr. Mittlerweile hรถrt er nichts mehr, das Herumlaufen wird schwieriger, aber das Futter schmeckt ihm noch und ich hoffe, dass er seinen Lebensabend noch recht lange genieรŸen kann. Er hat es sich verdient.

Ein MUSS fรผr jeden, der sich auch nur ansatzweise mit Hundeausbildung beschรคftigt.

Martin Weitkamp

Im Schatten der Gefahr

Hardcover, 128 Seiten, s/w

ISBN: 978-3-9815634-2-9

www.minervastore.de

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