Eine Reportage aus den Tiefen der deutschen Gassi-Seele
Von Benny Krause
Der Tatort: Volkspark Friedrichshain, früher Morgen, Dienstag. Nebel hängt zwischen den Bäumen wie schlechte Ausreden in einer WG-Küche. Ich sitze auf einer Bank, getarnt als harmloser Hundebesitzer mit Napoleon an der Leine, und warte. Worauf? Auf den perfekten Moment der Schande. Den Augenblick, in dem ein Mensch vor einem Hundehaufen steht und seine wahre Persönlichkeit offenbart.
Es dauert nicht lange.
Der erste Fall: Der Optimist
Claudia nähert sich mit ihrem Golden Retriever „Simba“. Mittdreißig, Lululemon-Leggings, Kaffeebecher mit Hafermilch-Schaum. Simba hockt sich strategisch günstig neben den Hauptweg. Claudia schaut erst verwundert, dann panisch in ihre Taschen. Leere. Völlige Leere.
„Entschuldigung“, spreche ich sie an, „brauchen Sie einen Beutel?“
„Oh Gott, ja! Ich dachte wirklich, er muss heute nicht…“ Sie bricht ab, als würde sie gerade gestehen, an den Osterhasen zu glauben.
Das ist die Grundlage der Optimisten-Psychologie: die Weigerung, Naturgesetze zu akzeptieren. Ein Hund ohne Haufen ist wie ein Politiker ohne Wahlversprechen. Theoretisch möglich, praktisch Märchen.
Feldforschung in der Rush-Hour
Später am Morgen ist der Park ein Schlachtfeld aus Missverständnissen. Hier ein hastiger Geschäftsmann mit Mops, der sein Handy auf den Haufen hält. Vermutlich für ein Foto als Beweismittel seiner Hilflosigkeit. Dort eine Joggerin, die ihren Labrador anfleht: „Nicht hier, Buddy, nicht jetzt!“
Ich treffe Thomas, um die 45, täglich hier. Sein Beagle „Einstein“ hat gerade geliefert. Thomas wühlt in seinen Jackentaschen wie ein Archäologe auf Goldsuche.
„Ich hab die Beutel immer dabei“, erklärt er mir, während Einstein stolz neben seinem Werk posiert. „Nur heute… andere Jacke.“
Das ist der Klassiker: Der Stratege. Hat ein System, aber das System hat heute frei. Thomas beginnt, mit einem Coffee-to-go-Becher zu experimentieren. Kaffee raus, Haufen rein. Innovation aus der Not.
Die Anatomie der Ausreden
Nach drei Stunden Observation habe ich ein Arsenal an Rechtfertigungen gesammelt, das jeden Verkehrsrichter beeindrucken würde:
„Der Beutel ist gerissen“ (während der leere, intakte Beutel aus der Tasche ragt) „Das ist gar nicht von meinem Hund“ (während der eigene Hund noch in Hockstellung verharrt) „Ich komme gleich wieder“ (Spoiler: tut er nicht) „Das verrottet doch schnell“ (In der Großstadt? Eher nicht)
Mein persönlicher Favorit stammt von Petra, um die 50, Yoga-Lehrerin: „Hundekot ist eigentlich sehr natürlich und erdend.“ Klar, Petra. Genauso natürlich wie deine Botox-Falten.
Der Anarchist in Aktion
Später taucht er auf: Stefan, Ende dreißig, Vollbart, Vintage-Lederjacke. Sein Pitbull-Mix „Rebel“ setzt einen beeindruckenden Haufen direkt vor das Spielplatz-Schild. Stefan beobachtet das Geschehen, nickt anerkennend und geht weiter.
„Entschuldigung“, rufe ich ihm nach, „vergessen Sie da nicht was?“
Stefan dreht sich um, grinst: „Früher hat auch keiner Wolfskot weggemacht, Bruder.“
„Früher gab es auch keine Spielplätze, Bruder.“
„Das System, Mann. Alles Kontrolle.“
Stefan verschwindet, hinterlässt aber mehr als nur einen Haufen. Er hinterlässt eine Weltanschauung. Der Anarchist sieht in der Beutel-Verweigerung einen Akt des Widerstands. Rebellion gegen die kleinbürgerliche Ordnung. Che Guevara mit Gassitüte.
Die Wissenschaft dahinter
Eine befreundete Verhaltenspsychologin erklärt mir das Phänomen: „Es ist eine Mischung aus Verdrängung, sozialer Konformität und dem, was wir ‚diffuse Verantwortung‘ nennen. In der Gruppe denkt jeder, der andere macht’s schon.“
Das erklärt auch das Abendphänomen: Je dunkler der Park, desto kreativer die Ausreden. „Man sieht es ja eh nicht“, ist der Klassiker. Als würde Unsichtbarkeit die Naturgesetze außer Kraft setzen.
Der Lösungsansatz
Napoleon und ich beenden unseren Forschungstag mit einer Erkenntnis: Das Problem ist nicht der fehlende Beutel. Das Problem ist die deutsche Seele, zerrissen zwischen Ordnungsliebe und Realitätsverweigerung.
Mein Vorschlag? Beutel-Automaten mit Motivationssprüchen: „Für ein sauberes Deutschland!“ oder „Ihr Hund vertraut Ihnen!“ Oder gleich mit Schuldgefühl-Verstärker: „Ihre Mutter würde das wegmachen!“
Am Ende ist die Hundebeutel-Verweigerung der letzte Rest Anarchie in unserem durchorganisierten Leben. Ein kleiner Aufstand gegen die Zivilisation. Nur leider riecht er schlecht und klebt an Kinderschuhen fest.
Napoleon schaut mich an, als hätte er alles verstanden. Dann hockt er sich hin. Direkt vor meine Füße. Ich greife in die Tasche. Leer.
Der Optimist in mir dachte wirklich, er muss heute nicht.
Benny Krause lebt mit seiner Französischen Bulldogge Napoleon in Berlin und sammelt Ausreden wie andere Leute Briefmarken.
