
Der Stalltratsch
Wenn Pferdemenschen gefährlicher sind als Geheimdienste…
…. und Informationen schneller fliegen als Pferdeäpfel
Ein Reiterhof ist ein friedlicher Ort. Hier geht es um die Liebe zu den Tieren, um Harmonie zwischen Mensch und Pferd, um die pure Idylle des Landlebens. Wenn man aber obendrein naiv genug ist zu glauben, dass in einem Stall nur über Pferde geredet wird, gibt es einen kleinen Wermutstropfen. Die Stallgasse ist nämlich das effektivste Nachrichtennetzwerk seit Erfindung des Internets.
ICH HABE NUR EINMAL LAUT TELEFONIERT!
Nach einem entspannten Ausritt hatte ich mir eigentlich nur eine ruhige Pferdepflege verdient. Ich gebe zu, die Vorstellung, in aller Ruhe meine Bella zu bürsten, war verführerisch. Ein bisschen Quality Time mit dem Pferd, ohne Stress und Hektik.
Aber es war eben ein Reiterhof. Kaum hatte ich das Halfter aufgehängt, materialisierten sich wie aus dem Nichts drei Stallkolleginnen neben mir.
„Na, wie war’s denn bei euch zu Hause?”, fragte die erste mit einem Lächeln, das verdächtig nach Wissensdurst aussah. „Man hört ja so einiges…” Und verdammt nochmal, das tat man wohl! Vor mir entfaltete sich das ganze Ausmaß der Stall-Spitzel-Maschinerie. Offenbar hatte mein gestriges Telefonat mit der Versicherung, das ich für absolut privat gehalten hatte, bereits die Runde gemacht.
„Prima”, dachte ich, während die zweite Kollegin bedeutungsvoll nickte, „dann wissen ja alle Bescheid über meine Autoreparatur.” Wieder eine, die die Anonymität eines Pferdestalls überschätzt hatte, stellte ich fest.
Alles, was ich sehen konnte, waren neugierige Gesichter und erwartungsvolle Blicke.
Ich hatte Redaktionen von Boulevardzeitungen erlebt, die weniger investigativ waren als dieser Stall. Es kam noch eine weitere Stallbesitzerin dazu und plötzlich war aus meiner harmlosen Unterhaltung über Bremsenbeläge eine wilde Geschichte über finanzielle Probleme geworden.
„Na denn”, sagte ich zu Bella und versuchte, die Flucht nach vorne anzutreten, „erzählt ihr mir auch, was bei euch so los ist?” Das war ein Fehler. Binnen Sekunden erfuhr ich, wer mit wem, warum die eine nicht mehr mit der anderen redet und dass Frau Müller angeblich ihr Pferd verkaufen will.
Hin und her schwankend zwischen Faszination und Entsetzen, versuchte ich mich aus dem Informationsstrudel zu befreien. Ehrlich gesagt hatte ich jeden Satz in der Überzeugung gehört, dass morgen mein eigenes Leben Gesprächsthema Nummer eins sein würde. Das war so sicher wie die Tatsache, dass Bella die Einzige war, die ihre Klappe hielt.
„Das war interessant”, murmelte ich, während ich mich endlich aus dem Stallklatsch befreien konnte. Bella schnaubte verständnisvoll und ich dachte: „Zum Teufel… nächstes Mal telefoniere ich im Auto.”
Tina Wagnerböck wuchs zwischen Heuballen und Halftern auf und weiß seit ihrer Kindheit: Ein Reiterhof ist der beste Ort der Welt und gleichzeitig das gefährlichste Pflaster für alle, die ihre Privatsphäre schätzen. “Ich schreibe über das echte Reiterleben. Nicht über die perfekten Instagram-Momente, sondern über die Realität – wenn das Pferd bockt, der Sattel rutscht und die Stallnachbarin schon wieder alles besser weiß.” Wenn sie nicht gerade schreibt, verbringt sie ihre Zeit am liebsten auf der Koppel, weit genug vom Stallgebäude entfernt, dass niemand ihre Telefonate mithören kann.