Weiße Katzen sind auffallend oft taub, und dahinter steckt kein Zufall, sondern Genetik. Wie sich ein Leben ohne jedes Geräusch anfühlt, überrascht die meisten Menschen.
Warum weiße Katzen so oft nicht hören
Es ist keine Laune des Zufalls, dass ausgerechnet der schneeweiße Kater nichts hört. Verantwortlich ist das dominante Weiß-Gen, das dem Fell seine makellose Farbe schenkt und sich nebenbei ins Innenohr einmischt. Es unterdrückt dort die Pigmentzellen, auf die das Gehör angewiesen ist. In den ersten Lebenswochen bildet sich bei betroffenen Kätzchen das feine Gebilde in der Hörschnecke zurück, das Schall in Nervensignale verwandelt. Was einmal verfallen ist, bleibt still.
Die beruhigende Nachricht steht gleich daneben: Eine von Geburt an taube Katze vermisst nichts. Sie hat nie gehört, und man betrauert schwer etwas, von dem man nie ahnte, dass es existiert. Die Stille, die Menschen fast ehrfürchtig beschreiben, ist für sie überhaupt keine Stille, sondern die Grundausstattung der Welt. Sie liest ihre Umgebung mit den Augen, mit der Nase und über Erschütterungen im Boden, und sie braucht dafür nur zwei Dinge von ihrem Menschen: eine Wohnung, in der nichts passieren kann, und ein paar Signale, die nicht über die Stimme laufen. Wie wichtig dabei ein wirklich sicherer Rückzugsort ist, zeigt sich übrigens bei jeder Katze, nicht nur bei einer tauben: Wir haben aufgeschrieben, warum Katzen Versteck und Aussichtsplatz gleichzeitig brauchen.
Blau allein macht nicht taub
Der hartnäckigste Irrtum betrifft die Augen. Blaue Augen für sich genommen machen keine Katze taub. Siam und Birma tragen ihr Blau wegen eines völlig anderen Gens und hören ganz normal. Entscheidend ist die Kombination aus weißem Fell und dem dafür verantwortlichen Gen.
Der Test: Wärst du der richtige Mensch für eine taube Katze?
Zwölf Fragen, zwei Minuten. Am Ende steht nicht nur ein Ergebnis, sondern zu jedem Punkt, an dem du unsicher warst, die passende Einordnung.
Die ganze Geschichte steht im Heft
Wie sich das Leben mit einer tauben Katze wirklich anfühlt, erzählt am besten jemand, der es täglich erlebt. In der neuen Ausgabe von OUR CATS schreibt eine Leserin über ihren weißen Kater Einstein, der aus dem Tierheim kam, vor nichts Angst hat, jede Vase als persönliche Herausforderung begreift und sein größtes Glück eher zufällig in der leeren Badewanne gefunden hat. Dazu gibt es das kleine Einmaleins für den Alltag mit einer tauben Katze und die Antwort auf die Frage, wie das Tierreich mit Artgenossen umgeht, die nichts hören.
Ein zweiter Punkt lohnt sich, wenn deine Katze hört und trotzdem kaum noch Kontakt aufnimmt: Dann steckt oft etwas anderes dahinter. In unserem Schrank-Test prüfst du in zwei Minuten, ob deine Katze dich noch aktiv um Hilfe bittet und was es bedeutet, wenn sie damit aufhört.
Ab dem 22. September im Handel. Die Reportage über den Kater, der die Stille nicht kennt, findest du im Heft, als Einzelausgabe in Print oder digital und im Abo.
Zum Heft im MinervaStoreHäufige Fragen zu tauben Katzen
Sind alle weißen Katzen mit blauen Augen taub?
Nein, und die Zahlen dazu schwanken stärker, als man oft liest. Ältere Untersuchungen an Versuchskolonien kamen bei Katzen mit zwei blauen Augen auf Werte um 65 bis 85 Prozent. Neuere Erhebungen an Rassekatzen aus Privathaushalten liegen deutlich darunter, bei etwa 44 bis 50 Prozent, eine polnische Untersuchung fand sogar nur rund 17 Prozent und keinen klaren Zusammenhang zur Augenfarbe. Sicher ist: Weißes Fell erhöht das Risiko deutlich, ein Automatismus ist Taubheit deshalb nicht.
Woran erkenne ich, ob meine Katze taub ist?
Verlässlich nur über einen Hörtest beim Tierarzt, die Messung der Hörbahn, fachlich BAER genannt. Sie ist ab etwa fünf bis sechs Lebenswochen sinnvoll. Reine Beobachtung täuscht häufig, besonders wenn nur ein Ohr betroffen ist oder eine hörende Zweitkatze mitreagiert und die taube einfach mitläuft.
Kann man Taubheit bei Katzen behandeln?
Eine angeborene Taubheit dieser Art lässt sich nach heutigem Stand nicht heilen, weil die verlorenen Sinneszellen im Innenohr nicht ersetzt werden können. Behandelbar sind dagegen manche später erworbenen Formen, etwa wenn eine Entzündung oder eine Verlegung des Ohrs die Ursache ist. Deshalb lohnt der Weg zum Tierarzt auch dann, wenn eine Katze erst im Laufe ihres Lebens schlechter hört.
Darf eine taube Katze nach draußen?
Freigang gilt als zu riskant, denn ein herannahendes Auto hört sie nicht, ebenso wenig einen Hund oder einen anderen Angreifer. Empfohlen wird die Haltung in der Wohnung, ergänzt um einen gesicherten Balkon oder ein Catio. Das ist kein Verzicht, sondern der Unterschied zwischen einem langen und einem kurzen Katzenleben.
Braucht eine taube Katze eine zweite Katze als Anschluss?
Nicht zwingend. Katzen sind keine Rudeltiere, dauerhafte Rudel bildet unter den Katzenartigen allein der Löwe. Gleichzeitig sind Hauskatzen keine strikten Einsiedler: Wo es genug Futter gibt, tun sie sich freiwillig zusammen. Ob eine zweite Katze passt, entscheidet also der Charakter, nicht das Handicap. Für eine taube Wohnungskatze gilt vor allem: Der Mensch wird ihr wichtigster Bezugspunkt.
