Das Spiegelbild an der Leine

Eine Reportage über die mysteriöse Mensch-Hund-Metamorphose Von Benny Krause Es ist Sonntagnachmittag im Mauerpark, und ich spiele mein Lieblingsspiel: Hund-Mensch-Memory….

Eine Reportage über die mysteriöse Mensch-Hund-Metamorphose

Von Benny Krause

Es ist Sonntagnachmittag im Mauerpark, und ich spiele mein Lieblingsspiel: Hund-Mensch-Memory. Das Prinzip ist simpel. Man schaut sich einen Hund an, rät wie der Besitzer aussieht, und wartet ab. Die Trefferquote ist erschreckend hoch.

Da kommt ein Mops um die Ecke. Rundlich, schnaufend, leicht mürrischer Gesichtsausdruck. Mein Tipp: männlich, Ende vierzig, Bauchansatz, Brille. Bingo! Sein Herrchen folgt drei Meter dahinter – gleiche Körperform, gleiches Schnaufen, gleiche Unlust auf Bewegung. Nur die Brille unterscheidet sie.

Napoleon schaut mich an, als würde er fragen: „Und was sagt das über uns aus?“ Ich betrachte meinen kleinen französischen Dickkopf mit den Glubschaugen und dem störrischen Gesichtsausdruck. Dann schaue ich in den nächsten Spiegel. Autsch, Napoleon.

Feldforschung im Paralleluniversum

Drei Stunden Observation später habe ich genug Material für eine Doktorarbeit in angewandter Ähnlichkeitsforschung. Da ist Gisela mit ihrem Pudel „Princess“. Beide haben perfekt frisierte Locken, beide tragen Rosa, beide schauen andere Hunde mit derselben Mischung aus Neugier und Misstrauen an. Princess trägt sogar ein Halsband mit Glitzersteinchen – genau wie Giselas Ohrringe.

Oder da ist Marcus mit seinem Deutschen Schäferhund „Max“. Beide muskulös, beide in Tarnfarben, beide mit diesem „Ich-bin-hier-der-Chef“-Blick. Marcus joggt, Max trabt. Marcus trinkt Proteinshake, Max bekommt Spezialfutter für Arbeitshunde. Die beiden sind wie ein Doppelpack aus dem Baumarkt.

Die drei Entwicklungsstufen der Angleichung

Nach intensiver Beobachtung habe ich drei Phasen der Mensch-Hund-Metamorphose identifiziert:

Phase 1: Die bewusste Wahl Hier sucht sich der Mensch einen Hund, der zu seinem Lifestyle passt. Der Banker nimmt den eleganten Windhund, die Yoga-Lehrerin den entspannten Retriever, der Kreative den quirligen Terrier. Alles noch logisch und vorhersagbar.

Phase 2: Die schleichende Anpassung Nach einem Jahr beginnt die magische Transformation. Der Jogger wird entspannter, weil sein Labrador jeden Baum anpinkeln muss. Die Couchpotato wird aktiver, weil ihr Border Collie sonst die Wohnung zerlegt. Mensch und Hund finden ihren gemeinsamen Rhythmus.

Phase 3: Die vollständige Symbiose Das Endstadium. Mensch und Hund sind praktisch ununterscheidbar geworden. Gleiche Gesichtsausdrücke, gleiche Körperhaltung, gleiche Reaktionen auf Fremde. Sie haben eine Art telepathische Verbindung entwickelt, die jeden Paartherapeuten vor Neid erblassen lässt.

Der Fall Sandra und Bella

Sandra, Mitte dreißig, Werbetexterin, sitzt mit ihrer Spitz-Dame „Bella“ auf der Bank neben mir. Beide haben dieselbe blonde Lockenmähne, beide tragen Sonnenbrille trotz bewölktem Himmel, beide beobachten kritisch das Geschehen um sie herum.

„Entschuldigung“, spreche ich Sandra an, „ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Sie und Bella sich sehr ähnlich sehen?“

Sandra lacht: „Ach was, das sagen alle. Aber ich hatte die Locken schon vor Bella.“

„Und die Sonnenbrille?“

„Die auch.“ Pause. „Okay, die nicht.“

Bella gähnt in exakt demselben Moment wie Sandra. Zufall? Ich glaube nicht.

Die Wissenschaft des Spiegelns

Ein Kumpel von mir hat mal Psychologie studiert und erklärt mir das Phänomen: Menschen suchen unterbewusst nach Ähnlichkeit. Wir fühlen uns zu dem hingezogen, was uns vertraut vorkommt. Und was ist uns vertrauter als unser eigenes Spiegelbild?

Dazu kommt: Mensch und Hund leben jahrelang zusammen und übernehmen automatisch die Körperhaltung, Mimik und sogar Gewohnheiten des anderen. Hunde sind Weltmeister im Spiegeln menschlicher Emotionen. Menschen sind Weltmeister darin, sich unbewusst anzupassen.

Das Ergebnis? Ein optisches Echo, das manchmal so perfekt ist, dass man sich fragt, ob nicht der Hund den Menschen ausgesucht hat.

Die Ausnahmen bestätigen die Regel

Natürlich gibt es Rebellen gegen das Ähnlichkeitsgesetz. Da ist Kevin, ein schmächtiger IT-ler mit seinem riesigen Bernhardiner „Thor“. Oder Petra, eine zierliche Rentnerin mit ihrem Rottweiler „Schmusebär“. Diese Kombinationen wirken wie Naturgesetze, die sich einen Scherz erlauben.

Aber auch hier entdecke ich bei genauerer Betrachtung Parallelen: Kevin und Thor sind beide Einzelgänger, beide leicht schüchtern, beide brauchen ihre Zeit, um aufzutauen. Petra und Schmusebär haben denselben unnachgiebigen Willen – nur dass bei Petra niemand damit rechnet.

Das Napoleon-Paradox

Zurück zu meinem eigenen Fall. Napoleon ist störrisch, eigenwillig, macht nur was er will, aber trotzdem charmant. Meine Freunde behaupten, das käme mir bekannt vor. Außerdem haben wir beide eine Schwäche für gutes Essen und meiden Sport, wo es nur geht.

Aber war ich schon so, bevor ich Napoleon hatte? Oder hat er mich erzogen? Hat er mich zu seinem Ebenbild geformt, genau wie ich dachte, ihn zu erziehen?

Napoleon schaut mich an mit diesem „Du-kapierst-es-langsam“-Blick. Vielleicht war das von Anfang an sein Plan. Vielleicht sind wir Menschen nur die nützlichen Idioten unserer Hunde, die uns glauben lassen, wir hätten die Kontrolle.

Die schöne Wahrheit

Nach vier Stunden Beobachtung im Park komme ich zu einem versöhnlichen Schluss: Die Mensch-Hund-Ähnlichkeit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer wunderbaren Symbiose. Wir suchen uns nicht nur Hunde aus, die zu uns passen – wir wachsen zusammen.

Und das ist eigentlich schön. In einer Welt voller oberflächlicher Kontakte und ständiger Handy-Guckerei ist die Mensch-Hund-Verbindung eine der letzten echten, analogen Beziehungen. Eine Freundschaft, die so tief geht, dass wir uns sogar körperlich angleichen.

Napoleon gähnt. Ich gähne auch. Zufall? Bestimmt.

Aber trotzdem schaue ich heute Abend nicht in den Spiegel.

Benny Krause fragt sich manchmal, ob er Napoleon ähnlicher geworden ist oder Napoleon ihm. Die Antwort steht in Napoleons Augen: „Ist doch egal, Hauptsache du öffnest die Leckerli-Dose.“

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