Eine unterforderte Wohnungskatze protestiert nicht, sie schläft. Deshalb fällt Langeweile meist erst auf, wenn sie nachts durch die Wohnung rast. Die stillen Zeichen kommen viel früher.
Langeweile sieht bei Katzen nicht nach Langeweile aus
Ein Hund, dem langweilig ist, macht das deutlich. Er nervt, er bringt Spielzeug, er läuft im Kreis. Eine Katze macht etwas anderes: Sie schläft. Sie schläft noch mehr als ohnehin, sie wird wählerisch beim Futter, sie zieht sich auf einen Platz zurück und bleibt dort. Und irgendwann, meist gegen drei Uhr nachts, geht sie durch die Decke.
Das ist der Punkt, an dem die meisten Halterinnen und Halter zum ersten Mal denken, dass etwas nicht stimmt. Dabei hat die Katze das Signal vorher schon gesendet, nur eben leise. Wer die stillen Zeichen kennt, muss nicht auf die laute Phase warten.
Die typischen Anzeichen für ein unterfordertes Katzenleben sind unspektakulär und werden deshalb gerne als Charakter abgetan: übermäßiges Schlafen und kaum Interesse an der Umgebung, hektische Aktivitätsausbrüche am späten Abend oder in der Nacht, Kratzen an Möbeln obwohl ein Kratzbaum dasteht, Anspringen von Füßen und Händen, ständiges Fordern von Aufmerksamkeit, zu schnelles Fressen und in der Folge Übergewicht. Auch übertriebene Fellpflege bis zu kahlen Stellen gehört dazu.
Wichtig ist dabei eine Einschränkung, die jeden dieser Punkte betrifft: Alle diese Zeichen können auch medizinische Ursachen haben. Schmerzen, Schilddrüsenprobleme oder eine Blasenentzündung sehen von außen ganz ähnlich aus. Die Abklärung beim Tierarzt kommt deshalb zuerst, die Beschäftigung danach.
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Zum Themenmodul auf Minerva CampusWarum die Wohnung den Jäger arbeitslos macht
Um zu verstehen, was fehlt, hilft ein Blick darauf, wie eine Katze ihren Tag verbringen würde, wenn sie dürfte. Sie ist kein Rudeljäger, der einmal eine große Beute reißt und danach zwei Tage ruht. Sie jagt klein und oft. International Cat Care geht davon aus, dass eine frei jagende Katze bis zu zehn bis zwanzig Jagdversuche am Tag unternimmt, weil eine Maus schlicht zu wenig Energie liefert und längst nicht jeder Versuch gelingt.
Dieser Ablauf ist fest verdrahtet: anschleichen, lauern, anspringen, fangen. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt für alles, was drinnen passiert. Die Sequenz braucht ihren Abschluss. Die Katze muss die Beute am Ende zwischen den Pfoten halten.
Das erklärt auch, warum der Laserpointer so beliebt und so ungeeignet ist. Der rote Punkt lässt sich nie fangen, die Jagd bleibt unvollendet. Eine Befragung von über sechshundert Katzenhaltern fand einen Zusammenhang zwischen häufigem Laserpointerspiel und gemeldetem abnormalem Wiederholungsverhalten, etwa dem dauerhaften Jagen von Lichtern und Schatten (Kogan und Grigg, 2021). Das ist ein statistischer Zusammenhang und kein Beweis für Ursache und Wirkung, aber ein guter Grund, den Punkt zumindest immer auf einem fangbaren Spielzeug enden zu lassen.
In der Wohnung fällt dieser ganze Tagesablauf weg. Das Futter steht im Napf, die Beute kommt nicht, der Trieb bleibt. Er sucht sich dann einen Weg, und das ist keine Bosheit, sondern eine ungenutzte Jagdsequenz. Wie stark sich das ausgerechnet nachts zeigt, haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben: warum Katzen nachts durchdrehen und was dagegen hilft.
Reizarmut ist kein reines Verhaltensthema
Chronischer Stress durch eine reizarme Umgebung schlägt bei Katzen auf den Körper. Am besten untersucht ist das bei der idiopathischen Blasenentzündung. In einer Verlaufsstudie über zehn Monate mit 46 betroffenen Katzen gingen die Harnwegssymptome nach einer gezielten Umgestaltung der Umgebung deutlich zurück, ebenso Ängstlichkeit und Nervosität (Buffington und Kollegen, 2006). Beschäftigung ist bei Wohnungskatzen also keine Freizeitfrage, sondern Teil der Gesundheitsvorsorge.
Die drei Bausteine, die ein Revier lebendig machen
Die Umgebungs-Leitlinien der amerikanischen und der internationalen Katzenmedizin-Gesellschaft (Ellis und Kolleginnen, 2013) beschreiben fünf Säulen einer katzengerechten Wohnung. Für den Alltag lassen sie sich auf drei Dinge herunterbrechen, die den größten Unterschied machen.
Erstens: Jagdspiel, das mit einem Fang endet
Fünf Minuten am Abend, mit einer Federangel oder einem Kicker, den sie am Ende wirklich packen darf. Nicht zehnmal dreißig Sekunden im Vorbeigehen. Eine Halterbefragung zu Wohnungskatzen fand, dass Spielsitzungen ab etwa fünf Minuten mit weniger gemeldeten Verhaltensproblemen einhergingen als Sitzungen von rund einer Minute (Strickler und Shull, 2014).
Im Ablauf lohnt es sich, die natürliche Reihenfolge nachzubauen: erst über den Boden schleichen lassen, dann kurz hetzen, dann fangen lassen. Und danach die Mahlzeit. Jagd, Beute, Fressen, Putzen, Schlafen: In dieser Folge kommt eine Katze zur Ruhe.
Zweitens: Höhe und ein Rückzugsort, an den niemand geht
Katzen sichern sich von oben ab. Ein Platz auf Schrank, Regal oder Kommode ist kein Luxus, sondern eine Ressource. Genauso wichtig ist das Gegenstück: eine Höhle, eine Box auf der Seite, ein Platz unter dem Bett, in den niemand hineingreift, auch Besuch und Kinder nicht.
Für Rückzugsorte ist die Wirkung sauber gemessen. In einer Untersuchung an neu aufgenommenen Tierheimkatzen hatten die Tiere mit Versteckbox an den ersten Tagen deutlich niedrigere Stresswerte als die Gruppe ohne (Vinke und Kolleginnen, 2014). Für erhöhte Plätze gibt es keinen vergleichbar kontrollierten Nachweis, sie gelten aber in den Leitlinien als Schlüsselressource.
Drittens: Abwechslung statt Nachkaufen
Der am meisten unterschätzte Punkt. Katzen gewöhnen sich schnell an das, was da ist. In einem Versuch ließ das Interesse an einem Spielzeug über drei aufeinanderfolgende Runden deutlich nach, der Wechsel zu einem anders aussehenden Objekt brachte das intensive Spiel sofort zurück (Hall, Bradshaw und Robinson, 2002).
Praktisch heißt das: Spielzeug wegräumen und nach einer Woche wieder hervorholen wirkt besser als neues zu kaufen. Wer das schon einmal erlebt hat, kennt auch das Gegenstück, den Haufen ignorierter Mäuschen in der Ecke. Warum das passiert, steht hier: warum deine Katze ihr Spielzeug ignoriert.
Der Reizarmut-Check: Wie viel passiert im Tag deiner Katze wirklich?
Acht Fragen zu eurer Wohnung, nicht zu deiner Katze. Am Ende siehst du, wo die größten Lücken sitzen und womit du sie am schnellsten schließt.
Was du heute Abend ändern kannst
Der häufigste Fehler nach so einem Test ist, alles auf einmal umzustellen. Das hält kaum jemand durch. Drei Dinge reichen für den Anfang, und sie kosten zusammen keine zwanzig Minuten.
Der Einstieg für die nächsten sieben Tage
Heute Abend: fünf Minuten Jagdspiel mit einem Spielzeug an der Schnur, das sie am Ende fangen darf. Danach die Abendmahlzeit.
Morgen: einen leeren Karton auf den Boden stellen und nichts weiter tun. Nicht locken, nicht hineinsetzen. Nur hinstellen.
Am Wochenende: einen erhöhten Platz freiräumen, von dem aus sie den Raum überblickt, und einen Rückzugsort festlegen, an den ab jetzt niemand geht.
Nach einer Woche siehst du, was davon gezogen hat. Meistens ist es die Abendrunde.
Häufige Fragen
Wie lange sollte ich täglich mit meiner Wohnungskatze spielen?
Besser zweimal fünf bis zehn Minuten konzentriert als eine halbe Stunde nebenbei. Entscheidend ist nicht die Gesamtdauer, sondern dass jede Runde mit einem Fang endet und dass sie regelmäßig stattfindet. In einer Halterbefragung schnitten Sitzungen ab etwa fünf Minuten deutlich besser ab als Sitzungen von rund einer Minute.
Reicht es, wenn zwei Katzen zusammenleben?
Nein, jedenfalls nicht automatisch. Zwei Katzen, die sich gut verstehen, beschäftigen sich gegenseitig, aber sie ersetzen weder die Jagd noch die Interaktion mit dem Menschen. Und wenn sie sich nicht verstehen, erzeugt die Gesellschaft zusätzlichen Stress statt Abwechslung. Zwei Katzen brauchen außerdem alle Schlüsselressourcen doppelt und räumlich getrennt.
Ist ein Laserpointer wirklich schädlich?
Krank macht er deine Katze nicht. Als einziges Spielzeug taugt er trotzdem nichts, denn der rote Punkt lässt sich nie fangen. Die Jagd bleibt also jedes Mal unvollendet. Eine Befragung von über sechshundert Katzenhaltern fand einen Zusammenhang zwischen häufigem Laserpointerspiel und gemeldetem abnormalem Wiederholungsverhalten, etwa dem dauerhaften Jagen von Lichtern und Schatten. Wer ihn trotzdem nutzt, lässt den Punkt am Ende auf einem Spielzeug landen, das die Katze fangen und behalten darf.
Macht Wohnungshaltung Katzen dick?
Sie ist ein Risikofaktor. Eine prospektive Kohortenstudie an britischen Katzen fand die reine Wohnungshaltung neben Trockenfutter als Hauptnahrung als unabhängigen Risikofaktor für Übergewicht im Alter von etwa einem Jahr (Rowe und Kolleginnen, 2015). Bewegung über Jagdspiel und Futter, das erarbeitet werden muss, wirkt dem entgegen.
Meine Katze spielt einfach nicht mit. Was nun?
Zuerst die Beute wechseln. Manche Katzen reagieren nur auf Federn, andere nur auf etwas, das über den Boden huscht, wieder andere brauchen Geräusch. Zweitens die Tageszeit ändern, viele Wohnungskatzen sind in der Dämmerung deutlich ansprechbarer. Und wenn eine Katze plötzlich gar nicht mehr spielt, obwohl sie es früher tat, gehört das tierärztlich abgeklärt.
Der schwierigste der drei Bausteine ist die Rotation, weil sie im Alltag untergeht. Genau dafür gibt es die Schatzkiste Katze: eine Box mit wechselndem, jagdgerechtem Spielzeug, die mehrmals im Jahr Neues ins immer gleiche Revier bringt.
Die Schatzkiste Katze ansehen