
Die Puste-Katze und andere Absurditäten
Auf der Suche nach den skurrilsten Katzen-Gadgets aus Japan
Von Marina Richter
In einem sterilen Konferenzraum der Consumer Electronics Show in Las Vegas hängt eine kleine weiße Plastikkatze am Rand einer Kaffeetasse und pustet beharrlich Luft in das dampfende Getränk. Nékojita FuFu heißt das Wunderwerk japanischer Ingenieurskunst, benannt nach dem Phänomen der “Katzenzunge”. Jene kulturelle Eigenart, die 47 Prozent aller Japaner betrifft und sie empfindlich auf heiße Speisen reagieren lässt.
Das kleine Gerät senkt die Temperatur von heißem Wasser von 88 Grad auf 71 Grad in nur drei Minuten. Eine technische Präzision, die typisch japanisch anmutet und gleichzeitig die Frage aufwirft: Haben wir wirklich den Punkt erreicht, an dem wir Roboter brauchen, um unseren Tee abzukühlen?
Die Geburt aus der Not
Die Entstehungsgeschichte des FuFu liest sich wie eine moderne Parabel: Tsubasa Tominaga von der Firma Yukai Engineering pustete so ausdauernd den selbstgekochten Brei seines Babys kalt, dass ihm schwindelig wurde. Jahre später verwandelte sich diese väterliche Erschöpfung in ein Geschäftsmodell. Der daraus entstandene Puste-Roboter bietet acht verschiedene Modi. Von “The Basic” mit gleichmäßigen Luftstößen bis zu “Til You Drop” mit einem kraftvollen, atemzugähnlichen Luftstrom.
Was zunächst wie ein Aprilscherz wirkt, offenbart bei näherer Betrachtung die Tiefe der japanischen Katzenobsession. Statistiken von 2023 zeigen über neun Millionen Katzen in japanischen Haushalten. Eine Zahl, die der schrumpfenden Kinderpopulation gefährlich nahekommt und gesellschaftliche Fragen aufwirft.
Nekonomics: Wenn Katzen die Wirtschaft ankurbeln
“Nekonomics” nennen Experten das Phänomen, bei dem Katzen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor werden. Der Begriff, eine Wortkreation aus “neko” (Katze) und Economics, beschreibt den katzenbezogenen Konsum, der seit 2015 exponentiell wächst. In den Gadget-Tempeln von Akihabara stapeln sich nicht nur Anime-Figuren, sondern zunehmend auch hochtechnisierte Katzenprodukte.
Der LG PuriCare AeroCatTower zeigt diese Entwicklung perfekt: Ein Luftreiniger, der gleichzeitig als Katzenthron fungiert. Das Gerät reinigt nicht nur die Luft, sondern bietet den pelzigen Freunden auch einen Sitz- und Schlafplatz. Multifunktionalität trifft auf Katzenkult.
Die Wissenschaft hinter der Zuneigung
In den Laboren der Universität Kyoto untersucht Verhaltensforscherin Professor Hitomi Chijiiwa die komplexen Beziehungsmuster zwischen Mensch und Katze. Ihre jüngste Studie zeigt paradoxe Ergebnisse: US-Bürger haben deutlich positivere Einstellungen gegenüber Katzen als japanische Bürger. Das verwundert angesichts der offensichtlichen Katzenbegeisterung im Land der aufgehenden Sonne.
Aktuelle Forschungen von Yume Okamoto vom Wildlife Research Center der Universität Kyoto zeigen, dass Katzen mit kürzeren Genvarianten des Androgenrezeptor-Gens häufiger schnurren als ihre Artgenossen. Diese genetische Disposition könnte erklären, warum manche Katzen kommunikativer sind und warum Japaner so ausgeklügelte Technologien entwickeln, um mit ihren vierbeinigen Mitbewohnern zu interagieren.
Professor Atsuko Saito von der Sophia-Universität in Tokyo hat bewiesen, was Katzenbesitzer schon lange wussten: Katzen erkennen ihren eigenen Namen und können ihn aus anderen Wörtern heraushören. Allerdings reagieren sie oft trotz des Verstehens nicht auf ihre Namen. Es ist ihnen schlichtweg gleichgültig.
Die dunkle Seite der Folklore
Japans Beziehung zu Katzen ist komplexer, als die niedlichen Gadgets vermuten lassen. In der jahrhundertealten Folklore des Landes wimmelt es von übernatürlichen Katzen. Von formwandelnden Bakeneko bis zu dämonischen Kasha, die Leichen fressen. Diese ambivalente Haltung zeigt sich auch heute noch: Bei traditionellen Totenwachen werden Katzen aus dem Raum entfernt, da man fürchtet, sie könnten sich an den Verstorbenen vergehen.
Iwazaki Eiji, ein Forscher der Katzenlore, hat über 100 historische Stätten mit Katzenbezug besucht. Seine Forschungen zeigen, dass besonders die Präfektur Niigata, die die meisten Schreine Japans beherbergt, reich an Katzenfolklore ist. Die moderne Gadget-Kultur scheint eine Art technologische Versöhnung mit dieser jahrhundertealten Ambivalenz zu sein.
Wenn Technik zur Therapie wird
In einem Tokioter Seniorenheim demonstriert mir die 78-jährige Frau Tanaka, wie sie mit ihrer intelligenten Katzentoilette Purobot Ultra kommuniziert. Das Gerät analysiert automatisch Urin und Kot ihrer Katze Shiro und sendet Gesundheitsberichte an ihr Smartphone. “Shiro kann mir nicht sagen, wenn etwas wehtut”, erklärt sie. “Aber die Maschine kann es.”
Eine Umfrage zur Entwicklung eines Körpermasse-Index für Katzen ergab, dass etwa die Hälfte der Katzen in Japan übergewichtig ist. Moderne Gadgets wie smarte Futterautomaten mit App-Steuerung und Portionskontrolle sollen Abhilfe schaffen. Doch sie kaschieren oft nur das zugrundeliegende Problem der Vereinsamung.
Seit 2011 ist die Katzenpopulation konstant bei etwa zehn Millionen geblieben, während die Zahl der Kinder unter 15 Jahren von 29,8 Millionen im Jahr 1954 auf 15,7 Millionen gefallen ist. In drastischen sozialen Begriffen ausgedrückt: Japans sinkende Geburtenrate führt dazu, dass Menschen Katzen als Ersatzkinder betrachten.
Das Geheimnis der Katzenzunge
Der Begriff “Nekojita” beschreibt Menschen, die empfindlich auf heiße Speisen oder Getränke reagieren, und betrifft laut einer Umfrage von 2018 47 Prozent der Japaner. Das ist mehr als eine Marotte. Es ist ein kulturelles Phänomen, das tief in der japanischen Ästhetik des Maßhaltens verwurzelt ist.
Dr. Hiroshi Nittono von der Universität Hiroshima erklärt das Konzept des “Kawaii”. Jene einzigartig japanische Ästhetik des Niedlichen, die Katzen zu perfekten kulturellen Symbolen macht. Katzen werden als neotentisch, weich und sanft wahrgenommen. Eigenschaften, die das japanische Ideal der Kawaii verkörpern.
Die Algorithmen der Zärtlichkeit
In den Entwicklungslaboren von Yukai Engineering erklärt mir Ingenieur Kenji Matsumoto die Komplexität des “Fu-ing Systems”. Den Algorithmus, der das menschliche Pusteverhalten imitiert. “Es ist nicht nur ein Ventilator”, betont er. “Unser System analysiert Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Flüssigkeitsvolumen, um das optimale Pustemuster zu berechnen.”
Diese technische Präzision für ein scheinbar triviales Problem zeigt die japanische Philosophie des “Kaizen”. Der kontinuierlichen Verbesserung selbst der kleinsten Details. Der FuFu kostet umgerechnet 24 Euro und soll ab Mitte 2025 in Japan erhältlich sein.
Die Grenze zwischen Liebe und Obsession
Professor Dennis Turner, ein anerkannter Experte für Mensch-Katze-Beziehungen, warnt vor den Schattenseiten dieser Entwicklung. Moderne Katzen sind anfällig für Harnsteine und Blasenentzündungen, was aktuelle Forschungen mit Stress in Verbindung bringen. Paradoxerweise könnten die Gadgets, die das Leben der Katzen verbessern sollen, zu ihrer Entfremdung beitragen.
Das Hauptmotiv für die Anschaffung von Haustieren in Japan ist, dass sie das Gefühl der Einsamkeit vertreiben, auch wenn das nicht immer bewusst geschieht. In den Gadgets manifestiert sich eine technologische Sehnsucht nach Verbindung. Eine digitale Brücke über den Graben der menschlichen Isolation.
Der 22. Februar: Ein Feiertag für Miezen
Der 22. Februar ist in Japan als “Katzentag” bekannt geworden. Wegen der Ähnlichkeit zwischen der Aussprache von 2-2-2 und “nyan nyan nyan”, der japanischen Lautmalerei für Miauen. An diesem Tag erreicht der Katzen-Konsum jährlich neue Höhepunkte, und die Gadget-Industrie präsentiert ihre neuesten Innovationen.
In diesem Jahr war es ein smart Mirror speziell für Katzen, der Wetter-Updates und Nachrichten anzeigt. Angeblich zugeschnitten auf die Aufmerksamkeitsspanne von Katzen. Ein Scherz? Vielleicht. Aber einer, der 10.000 Vorbestellungen generierte.
Ausblick: Wenn Roboter zu Katzen werden
Die nächste Generation der Katzen-Gadgets verspricht noch größere Absurditäten: Mirumi, ein plüschiger Social Robot, der sich wie ein Baby verhalten soll und mit emotionalen Sensoren ausgestattet ist. Erfassen seine Sensoren andere Menschen, die ihn ansehen, dreht er seinen Kopf nach ihnen um und blickt ihnen ins Gesicht, um die Freude an einem Baby zu reproduzieren.
Die Grenzen zwischen Tier, Technologie und menschlichem Bedürfnis verschwimmen zunehmend. In einer Gesellschaft, die sich gleichzeitig nach Verbindung sehnt und Distanz kultiviert, werden Katzen-Gadgets zu Projektionsflächen menschlicher Sehnsüchte.
Was uns die Puste-Katze lehrt
Ich beobachte vom Fenster meines Tokioter Hotels aus eine streunende Katze, die gelassen zwischen den Neonlichtern von Shibuya wandelt. Unbeeindruckt von der technologischen Symphonie um sie herum. Sie verkörpert das, was kein Gadget replizieren kann: die rätselhafte Eleganz einer Spezies, die sich seit Jahrtausenden weigert, vollständig domestiziert zu werden.
Der FuFu und seine Verwandten sind mehr als skurrile Spielereien. Sie zeigen eine Gesellschaft, die in der Technologie Lösungen für die tiefsten menschlichen Bedürfnisse sucht. Ob das kleine Gerät tatsächlich global verfügbar sein wird, ist noch unklar, aber die Crowdfunding-Kampagnen haben bereits ihre Zielvorgaben überschritten.
Die Puste-Katze pustet nicht nur heiße Getränke kalt. Sie bläst auch eine kühle Brise der Selbstreflexion über unsere Beziehung zur Technologie, zu Tieren und zu uns selbst. In einer Welt, die immer komplexer wird, sehnen wir uns nach der Einfachheit einer Katze, die weiß, was sie will. Auch wenn wir dafür einen Roboter brauchen, um es zu verstehen.
Marina Richter ist Wissenschaftsjournalistin und erforscht die absurden Schnittstellen zwischen Technologie und Tierliebe.