Einsatz auf vier Pfoten! | Teil 16

Im Osten Nürnbergs sollte Marcel W. festgenommen werden, der unter anderem wegen eines Raubüberfalls zu eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe verteilt worden war. Wir hatten einen Tipp erhalten, dass sich der Gesuchte heute Vormittag um zehn mit seiner Freundin verabredet hatte. Treffpunkt sollte die Tischtennisplatte in der Grünanlage an der Breslauer Straße sein. Auf dem Weg dorthin war mir der Kerl direkt vors Auto gelaufen, trotzdem war ihm die Flucht gelungen. Diverse Absperrpfosten und Zäune hatten ihm dabei geholfen. Dank eines anonymen Hinweises erfuhren wir kurz darauf, dass sich der Gesuchte nun im Keller eines Mehrfamilienhauses versteckt hielt.

Mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn waren Buxi und ich unterwegs dorthin.

Wieder musste ich einen großen Umweg in Kauf nehmen. Das nervte! Es mochte ja sein, dass durch Pfosten, Ketten und Hindernisse der Durchgangsverkehr in dem Wohngebiet verhindert wurde, aber im Einsatzfall war das einfach nur störend. Was, wenn es tatsächlich auf die Sekunde ankäme, es um Leben und Tod ginge? Ich versuchte, das Kribbeln der Ungeduld in meinem Magen in den Griff zu bekommen. Jetzt nur keinen Fahrfehler begehen!

Ich musste mich zwingen, im Schritttempo in die nächste Kreuzung einzufahren, deren rote Ampel ich missachtete. Auch wenn ich in einem solchen Fall Sonderrechte genieße, die andere Autofahrer beachten müssen, wäre ich nicht unbedingt schuldlos, wenn es zu einem Unfall käme. Ich muss den Verkehrsteilnehmern genügend Zeit geben, auf die Situation reagieren zu können. Zu hohes Tempo führt hier fast immer zumindest zu einer Teil-, womöglich sogar zur Alleinschuld des Fahrers eines Streifenwagens. Abgesehen von all den möglichen unmittelbaren Folgen eines Unfalls, eines wäre sicher: ich käme nicht mehr da hin, wo ich und mein Hund gebraucht wurden.

Mit Blaulicht geht es zum Einsatzort.

Endlich am Einsatzort

Als ich dort eintraf, ereilte mich der Eindruck, dass Eile gar nicht notwendig gewesen wäre. Vor dem Häuserblock parkte ein Streifenwagen, sein Fahrer lehnte entspannt in der offenen Fahrertür und beobachtete die Fensterfront. „Ihr habt ihn wohl schon?“, fragte ich verwundert und ärgerte mich ein wenig, dass mir niemand Bescheid gegeben hatte, „Wo ist er jetzt?“ – „Unten im Keller,“ antwortete der Kollege und zuckte mit den Schultern.

Freund und Feind

Also hatten die Anderen Marcel W. geschnappt. Auch gut. Aber ein Wörtchen wollte ich mit ihm noch reden. Ich überlegte kurz, ob ich meinen Hund überhaupt mitnehmen sollte. Ich entschied mich dafür, man weiß ja nie. Vorsichtshalber legte ich ihm den Beißkorb an, denn Buxi war noch sehr aufgeregt und unterschied in dieser Verfassung nicht zwischen Freund und Feind, besser gesagt zwischen Kollegen und Täter.

Der Bissschutz eines Polizeihundes ist aus massivem Leder gefertigt und vorne mit einem Stahlbügel versehen. Dadurch ist der Hund nicht wehrlos und kann seine Schnauze nötigenfalls wie ein Boxer die Faust einsetzen. Deshalb wird der Maulkorb bei uns auch „Stoßkorb“ genannt.

Im dunklen Keller wartet auf Buxi und die Polizei eine böse Überraschung.

Mit Buxi hinab in den Keller

Mit Buxi an der zwei Meter langen Leine, dennoch eng neben mir, betrat ich den Wohnblock. Die Kellertreppe endete an einer grau gestrichenen Feuerschutztür. Sie knarrte leise, als ich sie öffnete. Dahinter führte links und rechts ein nur schwach beleuchteter Gang an einer Reihe von Kellerabteilen entlang. Ich blieb am Eingang stehen. Es war still. Wo waren die Kollegen? Hatte ich mich im Haus geirrt?

Harte Schläge und das Geräusch von splitterndem Holz ließen mich herumfahren. Einige Meter von mir entfernt trat jemand die Holzlatten eines der Verschläge von innen nach außen heraus! Zunächst war nur ein Bein zu sehen, dann schlüpfte eine dunkle Gestalt durch die entstandene Lücke. Es war der Gesuchte, er hielt einen Hammer in der Hand. Damit schwingend rannte er ohne zu zögern auf mich zu.

Polizei! Stehenbleiben!

Ich wich zurück, schrie „Polizei! Stehen bleiben!“ und legte die Hand an meine Pistole im Halfter, „… ich schieße!“ Schusswaffengebrauch war in einer Situation wie dieser gerechtfertigt. Schon allein aus Notwehr, der Hammer war eine gefährliche Waffe, ich befand mich in akuter Lebensgefahr. Zum anderen ist Schießen auch erlaubt, wenn der Angreifer wegen eines Verbrechens verurteilt ist und zu fliehen versucht. Raub ist ein Verbrechen nach dem Strafgesetzbuch.

Buxi nahm mir die Entscheidung ab

Er startete durch und flog dem Angreifer förmlich entgegen. Als er mit der Schnauze in den Brustkorb des Täters einschlug, brach er ihm zwei Rippen. Marcel W. ließ den Hammer fallen und fiel mit einem Aufschrei rücklings zu Boden. „Platz!“, schrie ich, Bux gehorchte. Dann war ich bei ihm und legte dem vor Schmerzen Stöhnenden die Handschellen an. Beinahe tat er mir leid. Noch neben ihm kniend rief ich über Funk den Notarzt und meine Kollegen. Sie waren im Haus nebenan, doch nicht sie hatten sich in der Hausnummer geirrt, sondern der anonyme Mitteiler – und ich. Wodurch ich nur zufällig im richtigen Gebäude war.

Endstation. Marcel W. wird abgeführt.

Die nächste Gefängnisstrafe

Marcel W. wurde zur Behandlung ins Krankenhaus und anschließend in die Justizvollzugsanstalt gebracht. Wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und versuchter gefährlicher Körperverletzung verurteilte ihn das Landgericht später zu zwei weiteren Jahren Gefängnis ohne Bewährung. Ein Mordversuch war ihm juristisch nicht nachzuweisen.

Hier erfährst du, wie es weitergeht.

Elmar Heer arbeitet seit 40 Jahren als Polizeibeamter. 1990 wechselte er vom Streifendienst zur Diensthundestaffel Mittelfranken. Schon früh entdeckte er seine zweite Leidenschaft: das Schreiben. Mit seinem Buch „Partner auf Leben und Tod“, erschienen bei Droemer-Knaur, gewährt der Autor dem Leser einen Einblick in Leben und Arbeit eines Polizeihundeführers. Er erzählt über seine Aufgaben als Hundeführer, die umfangreiche Ausbildung von Polizeihunden und über spannende, heitere und auch tragische Einsätze, die er mit seinen Schäferhunden Gundo, Bux und Carina erlebte. Heute steht ihm mit Sam sein vierter Diensthund zur Seite.



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